Nachruf auf Prof. Dr. vet. med. Detlef Fölsch (1937-2026)
Gemeinsam mit der Reemtsma Stiftung förderte die Schweisfurth Stiftung die Einrichtung der 1993 an der Universität Kassel in Witzenhausen für Prof. Dr. Detlef Fölsch geschaffenen Professur für „Angewandte Nutztierethologie und artgemäße Tierhaltung“. Wie vereinbart übernahm das Land Hessen fünf Jahre später die Finanzierung der Professur.
Nachruf auf Prof. Dr. vet. med. Detlef Fölsch (1937-2026) des Fachbereichs 11 Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel:
Prof. Dr. vet. med. Detlef Fölsch
23.11.1937 – 26.06.2026
„Wir haben als Tierhalter und als Konsumenten, aber als Menschen überhaupt eine ethische Verantwortung gegenüber den Tieren, die wir als Nutz- und Haustiere halten. Ihren Bedürfnissen so weitgehend entgegenzukommen wie möglich halte ich für unsere Pflicht“ (Zitat Detlef Fölsch)
1993 wurde Detlef Fölsch, bis dahin tätig an der schweizerischen ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich), mithilfe einer zunächst für fünf Jahre extern geförderten Professur (Schweisfurth- und Reemtsma-Stiftungen), an die Universität Kassel in Witzenhausen berufen. Erstmals konnte somit ein Schwerpunkt der Verhaltensforschung mit dem neuen Fachgebiet Nutztierethologie (Angewandte Nutztierethologie und Artgemäße Tierhaltung) in der Landwirtschaft angeboten werden. Durch Detlef Fölschs lebendige Überzeugungskraft, seine unkonventionelle und freundliche Art, begeisterte er eine Vielzahl Studierender, begleitete sie von Projektarbeiten und Diplomarbeiten, einige bis zu Dissertationen und prägte somit auch manchen Lebensweg. Die Einrichtung der Stiftungsprofessur war auch eine wesentliche Voraussetzung zur Einrichtung des ersten bundesweiten Studienschwerpunktes für Ökologischen Landbau in 1993. In diesem Schwerpunkt und später im Studiengang Ökologische Landwirtschaft übernahm Detlef Fölsch und seine Mitarbeiter:innen wesentliche Pflicht- und Wahlveranstaltungen. Gerne verfolgte er hier auch interdisziplinäre Ansätze, erregt z.B. Aufsehen mit einer künstlerisch kritischen Auseinandersetzung über Ethik in der Nutztierhaltung auf einer documenta-Ausstellung in Kassel.
Offen für neue Methoden und wissenschaftliche Ansätze, etablierte er z. B. „Ethologische Übungen“ sowohl auf Praxisbetrieben als auch dem Tierpark Sababurg, wodurch praxisnah wissenschaftliche Methoden veranschaulicht werden und die bis heute bei Studierenden sehr beliebt sind. Die damals noch nahe gelegenen Versuchsbetriebe in Neu-Eichenberg wurden intensiv genutzt, da für Detlef Fölsch der direkte Tierkontakt, das „forschende Lernen“ eine wesentliche Voraussetzung für den beruflichen Erfolg der Studierenden in Beratung und Politik darstellte. Ehemalige erinnern sich lebhaft an seine besonderen Vorlesungen, auch z. B. an das Nachahmen von Hühnerlauten, zur empathischen Einstimmung auf das Tier in verschiedenen Erregungszuständen. Detlef Fölsch konnte auch kämpferisch und hartnäckig sein, vor allem wenn es um die Umsetzung tiergerechter Haltungsformen ging. Insbesondere war er im Bereich der artgemäßen Hühnerhaltung aktiv und hier an großen Fortschritten im Tierschutz maßgeblich beteiligt. Bereits in der Schweiz, dann auch in Deutschland, hat er sich mit Fachkolleg:innen äusserst engagiert und fachkundig für eine artgemässere Haltung der Legehennen eingesetzt, was letzten Endes auch in Deutschland zu einer Abschaffung der Käfighaltung für Legehennen geführt hat und somit einen Meilenstein im Tierschutz für die Legehennenhaltung abbildet.
Wir verabschieden uns von einem besonderen Menschen, der menschlich und in der Fachwelt unvergessen bleiben wird. Die Universität Kassel verliert mit Detlef Fölsch einen überaus geschätzten Lehrenden und Wissenschaftler. Der Fachbereich wird den Verstorbenen in würdiger Erinnerung bewahren.
Nachruf auf Prof. Dr. Engelhard Boehncke (1935-2025)
Am 22. März 2025 ist nach langer, schwerer Krankheit Prof. Dr. Engelhard Boehncke verstorben. Die Schweisfurth Stiftung verliert einen langjährigen Impulsgeber, Begleiter und Freund.
Die Verbesserung der Beziehung von Mensch und Tier im Bereich der Landwirtschaft war mit Gründung der Stiftung ein, wenn nicht das Grundanliegen der Stiftungsarbeit. Gemeinsam mit Engelhard Boehncke konnten seit 1989 erste Projekte in diesem Förderschwerpunkt entwickelt und umgesetzt werden. Ein besonderes Anliegen war dabei der Brückenschlag zwischen akademischer Forschung und landwirtschaftlicher Praxis. Dem dienten drei, seit 1992 in mehrfacher Auflage erschienene Leitfäden für eine artgemäße Rinder-, Schweine- und Hühnerhaltung, an denen Engelhard Boehncke maßgeblich mitgewirkt hatte – zugleich ein erstes größeres gemeinsames Publikationsprojekt der Schweisfurth Stiftung mit der Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL).
Ein weiteres Projekt der Schweisfurth Stiftung, das sich Engelhard Boehncke verdankte, ist der Forschungspreis für artgemäße Nutztierhaltung, den die Stiftung von 1991 bis 2001 gemeinsam mit der renommierten Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) alljährlich vergeben hat. Als damaliger Präsident der IGN hat Engelhard Boehncke den Preis, der sich an junge Wissenschaftler:innen richtet, mitkonzipiert und zehn Jahre lang mit großem Elan die Juryarbeit geleitet. Ein Impuls, der bis heute wirkt: Die IGN hat den Forschungspreis seit 2002 eigenständig fortgeführt und vergibt ihn 2025 bereits im 34. Jahr!
Beliebter Hochschullehrer …
Der Agrarwissenschaftler und Veterinärmediziner Engelhard Boehncke, der 1975 einen Ruf an die Universität Kassel/Witzenhausen erhalten hatte, war ein überaus beliebter Hochschullehrer. Generationen von Studierenden hat er in sehr passionierter Form das nötige Fachwissen und Ethos vermittelt für eine Landwirtschaft, die den Tieren als unseren Mitgeschöpfen gerecht wird. Neben Fragen der Tiergesundheit war es vor allem die Einbindung der Tierhaltung in den ökologischen Kreislauf landwirtschaftlicher Betriebe, die er lehrte und gemeinsam mit seinen Mitarbeiter:innen erforschte. Rund 350 Diplomarbeiten und 10 Dissertationen entstanden unter seiner Betreuung. Als international gefragter Referent setzte er sich unermüdlich dafür ein, dass die artgerechte Tierhaltung in der ökologischen Landwirtschaft eine zentrale Rolle spielte.
… Pionier des Ökolandbaus
Im Jahr 1984 wurde er von der Generalversammlung der IFOAM, dem internationalen Dachverband ökologischer Landwirtschaft, zum Präsidenten des Vorstandes gewählt. In den vier Jahren seiner Amtszeit entwickelte sich die IFOAM zu einer globalen Organisation. Mit seiner Umsicht und Geduld, seiner integrativen Fähigkeit und insbesondere seinem Humor verstand es Engelhard Boehncke, die Ökobewegung in einer herausfordernden Zeit zusammenzuhalten und weiterzuentwickeln.
Im Jahr 2008 wurde Engelhard Boehncke mit dem One World Award von Rapunzel und IFOAM für sein Lebenswerk (Lifetime Achievement) ausgezeichnet. Diese besondere Ehrung würdigte seine jahrzehntelange internationale Arbeit im Bereich der ökologischen Landwirtschaft und seine unermüdlichen Bemühungen für eine nachhaltige Agrarkultur.
Die ökologische Landbaubewegung verliert mit Engelhard Boehncke einen Pionier und Mitstreiter, der mit wissenschaftlicher Expertise, großem Herz und einem weiten geistigen Horizont sich ganz dem Anliegen einer ökologischen und tiergerechten Landwirtschaft verschrieben hat. Die Schweisfurth Stiftung wird den Verstorbenen in dankbarer und würdiger Erinnerung bewahren.
Engelhard Boehncke ist persönlich zu erleben in dem im Rahmen des 9. Traineeprogramms Ökolandbau 2012 entstandenen Dokumentarfilm »Bio-Pioniere erzählen«.
Dr. Manuel Schneider, von 1989 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung