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Wie Urban Gardening die Städte verändert. Eine Tagung

Als eine der „hoffnungsvollsten sozial-ökologischen Bewegungen“ bezeichnet unsere Gastautorin Dr. Christa Müller die urbanen Gemeinschaftsgärten, die seit der Jahrtausendwende überall in Deutschland entstehen. Zum Thema „Die Stadt ist unser Garten – Wie die urbane Gartenbewegung unsere Städte verändert“ fand vom 24.-26. Mai 2024 eine spannende Kooperationstagung der anstiftung mit der Schweisfurth Stiftung und der Selbach-Umwelt-Stiftung in der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See statt. Dr. Christa Müller, Kuratorin der Schweisfurth Stiftung und Vorstand der anstiftung, hat die wichtigsten Ergebnisse der Veranstaltung zusammengefasst.

Sind die urbanen Gemeinschaftsgärten von „queeren Störenfrieden“ zu ökologischen Leistungsträgern geworden? Den Eindruck könnte man gewinnen, führt man sich die Fülle der Aufgaben vor Augen, die Gärten im Kontext des sozial-ökologischen Krisenmodus der Städte mittlerweile übernehmen müssen, wenn sie städtische Förderung und Flächen bekommen wollen.

Die auf mittlerweile fast 1000 Projekte angewachsene neue urbane Gartenbewegung stand am letzten Mai-Wochenende am Starnberger See im Fokus der Tagung Die Stadt ist unser Garten. Wie die urbane Gartenbewegung unsere Städte verändert.

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Sophia Kipp (li.), Humboldt-Universität zu Berlin und Dr . Christa Müller, anstiftung

Im Einführungsvortrag beleuchteten wir drei Soziologinnen – Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner – die nunmehr zwei Dekaden dauernde Geschichte der Bewegung. Uns lag dabei vor allem daran, die tieferen Bedeutungsebenen der Projekte freizulegen: Gärten als Orte der terrestrischen Moderne, Gärten als Ernährungsorte, Gärten als Lernorte, Gärten als Ökosysteme; aber eben auch Gärten als politische Orte und Gärten im System politischer Governance.

„Leider haben nicht alle Stadtverwaltungen einen Toni“, bedauerte eine Teilnehmerin. Die Rede war von Toni Karge, dem Urban-Gardening-Beauftragten des Berliner Senats, der die Bewegung durch jahrelanges Engagement im Gemeinschaftsgarten himmelbeet von innen kennt. Aber selbst wenn es eine Ansprechperson in der Stadtverwaltung gibt, die die Bedarfe und Logiken der Projekte barrierefrei versteht, bleibt, so der Stadtplaner, der kontinuierlich erzeugte „Druck“ von den Projekten unverzichtbar, um weiterhin Flächen für urbanes Gärtnern für die sozial-ökologische Wende in den Städten zu sichern.

Die Ernährungswende braucht auch Lebensmittel aus der Stadt und der Region

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Toni Karge, der Urban-Gardening-Beauftragte des Berliner Senats

Toni Karge war nicht der einzige Vortragende, der bewusst eine hybride Rolle einnimmt und seine Perspektive in die jeweiligen Segmente der Wissenschaft, der Kultur oder der Politik zu übersetzen weiß. Auch Elke Krasny, Professorin an der Wiener Akademie der bildenden Künste, versteht sich als Kuratorin, Wissenschaftlerin, Feministin und Care-Aktivistin zugleich – und entwickelte in ihrem Vortrag „Caring Urbanism: Von Gärten der Sorge auf einem erschöpften Planeten“ eine spezifische Methodik des „Denkens-mit-Gartenarbeit“. Ähnliches gilt für Harald Lemke, Philosoph, Stadtaktivist und – laut seiner Selbstbeschreibung – Freizeit-Terraner. Er stellte dar, wie sehr sich Gastrosophie und Gartenaktivismus gegenseitig brauchen und bedingen, um die Welt zu einem schöneren und gerechten Ort für alle zu machen.

Gastrosophie meint die Philosophie des Essens und Einladens. Gute Lebensmittel aus der Region oder gar dem unmittelbaren städtischen Umfeld sind dafür eine zentrale Voraussetzung. Sie stehen im engen Zusammenhang mit der Ernährungswende. Das Thema Essbare Stadt im internationalen Vergleich bespielten Ina Säumel und Sophia Kipp von der Humboldt-Universität zu Berlin mit Fallbeispielen aus Singapore, Berlin, Quito und Havanna.

Überforderung der urbanen Gartenbewegung mit Migrationssozialarbeit

Die großen Erfolge, die die urbane Gartenbewegung unübersehbar aufweist, und die sich nicht zuletzt in wirkmächtigen Anschlüssen an Diskurse, Wissenschaftspraxen, Forschungspartnerschaften oder den Eingang in Förderprogrammatiken ausdrücken, haben unausweichlich auch ihre Schattenseiten. Alexander Follmann, Wissenschaftler von der Universität Bonn und Aktivist beim Gemeinschaftsgartennetzwerk um NeuLand Köln, das sich äußerst gelungen in Stadtentwicklungsprozesse einmischen konnte, zeigte eben auch die inneren und äußeren Widersprüche der sozial-ökologischen Transformation durch Urban Gardening am Beispiel von Ernährungsrat, Essbare Stadt und Gemeinschaftsgärten in Köln auf.

Widersprüche, Herausforderungen und bisweilen auch Überforderungen thematisierten auch die parallel laufenden Praxisworkshops sowie die abschließende Podiumsdiskussion am Sonntagmorgen. Nun kamen nach drei Tagen konstruktiver und von gegenseitiger Wertschätzung geprägter Debatte auch Kontroversen zum Vorschein: Diskutiert wurden die zum Teil großen Lasten, die den Gärten in den Großstädten zunehmend aufgebürdet werden, wie zum Beispiel der Umgang mit traumatisierten Menschen, der Umgang mit Drogenabhängigen (ohne professionelle Unterstützung) für unerfahrene Engagierte aus der Zivilgesellschaft. Eva Kirschenmann berichtete in ihrem Workshop „Stadtumgestaltung von unten“ aus Bremen, dass Gemeinschaftsgärten bisweilen schlicht überfordert sind, Probleme zu lösen, die an anderen Stellen entstehen und für die die Gesellschaft insgesamt Verantwortung zu übernehmen hat. Und die Frankfurter GemüseheldInnen problematisierten den Versuch der Stadt, sie in ihrem Engagement für mehr Grünräume zusätzlich in die Pflicht zu nehmen, Aufgaben aus dem Bereich der Migrationssozialarbeit zu übernehmen, zumal sie über keine entsprechende Expertise in diesem Bereich verfügen.

Dabei steht die Solidarität mit Geflüchteten in der Gartenbewegung grundsätzlich nicht in Frage, im Gegenteil: Ein großer Teil des bundesweiten Netzwerks Urbane Gärten, das Anuscheh Amir-Khalili und Gudrun Walesch von der anstiftung vorstellten, besteht explizit aus Interkulturellen/Transkulturellen Gärten, die ein großes Potenzial für die postmigrantische Gesellschaft darstellen – und aus ihr erwachsen.

Skandalisierung von Umwelt-Ungerechtigkeit ist notwendig

Und schließlich zeigt nicht zuletzt auch die Notwendigkeit des Abbaus von Umwelt-Ungerechtigkeit, die Kerstin Stelmacher anhand des sozial-räumlichen Zusammenspiels von Luftverschmutzung, fehlendem Naturzugang und sozialer Unterschichtung anhand von Kartenmaterial visualisierte, wieviel noch zu tun bleibt – und ohne die Skandalisierung dieser Zustände durch eine engagierte Zivilgesellschaft tut sich deutlich zu wenig. Dafür wiederum ist Wissen vonnöten – und auch dieses wird, wie Marco Clausen betonte, in urbanen Gemeinschaftsgärten als kollektive Lern- und Bildungsräume generiert und weitergegeben.

Wir haben auf der Tagung eine der hoffnungsvollsten sozial-ökologischen Bewegungen beleuchtet – aus der Perspektive verschiedener Wissenschaftszweige wie der Soziologie, der Philosophie, der Wirtschaftswissenschaften, der Kritischen Geographie oder der Kunst- und Kulturwissenschaften – aber eben auch aus der von praktisch inspirierten Ansätzen und Praxisräumen wie dem „Achtsamen Gärtnern“ (mit Daniel Dermitzel), der Permakultur, der Urbanistik, der Kompostologie.

Kompostierung als Workshop-Methode

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collagenCollage-Workshop des QueerEcologiesCollective

Und am Ende wurde dann tatsächlich alles wieder kompostiert: Im Collage-Workshop des QueerEcologiesCollective (Ella von der Haide und Manuel Wagner) zerschnipselten die Tagungsteilnehmer:innen lustvoll Headlines, Fotos, Berichte und Thesen zur Bewegung und setzten sie neu zusammen. Es könnte eben auch alles anders sein.

Was bleibt, ist danke zu sagen. Für das exzellente bio-veggie Essen vom Küchen-Team der Evangelischen Akademie Tutzing, für das Engagement aller, die da waren, für die Kooperationen, für die sternenklare Nacht und den freien Blick auf die Berge.

Wer tiefer eintauchen will in die einzelnen Inhalte, kann dies in unserem zur Tagung erschienenen Buch tun, wer einfach nur die Präsentationen anschauen will oder sich über eine Fotoauswahl einen Eindruck von der Stimmung an diesem wunderbaren Ort verschaffen möchte, kann auch dies gerne tun:

Copyright Fotos: anstiftung

Kulturland-Genossenschaft: Gemeinsames Engagement für den Bodenerhalt

Die Kulturland-Genossenschaft versteht den Boden als fundamentale Lebensgrundlage, die es zu schützen und nachhaltig zu nutzen gilt. In der Erde verbirgt sich eine beeindruckende Diversität, die Grundlage unserer Ernährung und ein wichtiger Speicher für Wasser und Kohlenstoff ist. Angesichts der wachsenden Herausforderungen durch Landgrabbing und intensive Landwirtschaft hat die Kulturland-Genossenschaft es sich zur Aufgabe gemacht, landwirtschaftliche Flächen zu sichern und für eine ökologische Bewirtschaftung zugänglich zu machen.

Neue Allmende – für die Zukunft

Damit der Boden, seine Fruchtbarkeit und die Ökosysteme rund herum nicht als Geldanlageobjekte mit entsprechender Rendite gesehen werden, sondern auch für künftige Generationen verantwortungsvoll gepflegt und bewirtschaftet werden, wurde 2014 die Kulturland eG gegründet. Die Genossenschaft setzt sich für eine neue Form der Allmende ein, in der Grund und Boden als Gemeinschaftseigentum angesehen und bäuerlich, ökologisch und sozial bewirtschaftet werden. Mit der Unterstützung ihrer Genossen erwirbt sie Ackerland, Wiesen, Weiden, Hecken und Biotope. Mittlerweile umfasst die Fläche über 600 Hektar und mehr als vierzig Höfe zählen zu den aktuell unterstützten Projekten, darunter u.a. der Hof Gasswies, der sich für eine kuhgebundene Kälberaufzucht einsetzt und der Luzernenhof.


Innovative Wege der Hofübergabe: Die Kulturland-Genossenschaft als Brückenbauer

Die Kulturland-Genossenschaft setzt sich aktiv für außerfamiliäre Hofübergaben ein, um den Fortbestand ökologischer Landwirtschaft zu sichern. Sie bietet eine Plattform, die es ermöglicht, Höfe an engagierte Neubauern zu übergeben, die zwar die Vision einer nachhaltigen Landbewirtschaftung teilen, aber oft nicht das nötige Kapital für einen Hofkauf besitzen. Durch den Erwerb und die Bereitstellung von Höfen im Gemeinschaftseigentum unterstützt die Genossenschaft nicht nur den Erhalt wertvoller landwirtschaftlicher Praktiken, sondern fördert auch die Entwicklung lebendiger ländlicher Gemeinschaften. Diese innovative Herangehensweise an die Hofübergabe zeigt das Engagement der Kulturland-Genossenschaft, zukunftsfähige Lösungen für die Landwirtschaft zu entwickeln und zu unterstützen.

Einsatz für nachhaltige Bodenpolitik und starke Netzwerkarbeit

Die Kulturland-Genossenschaft betreibt neben ihrer Unterstützung für ökologische Landwirtschaft auch intensive politische und Netzwerkarbeit. In Partnerschaft mit der Schweisfurth Stiftung, dem „Netzwerk Flächensicherung“ und „Landwirtschaft ist Gemeingut“ und dem „Netzwerk solidarische Landwirtschaft„, engagiert sich die Genossenschaft für gerechte Bodenpolitik und den Schutz landwirtschaftlicher Flächen vor Spekulation. Ein markantes Beispiel ihrer Arbeit ist die Fachtagung „Bauern ohne Boden?“ im Januar 2022 oder der „Bodenfachtag“ im Januar 2024 bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, die auf die Problematik des Bodenmarktes aufmerksam machten und Lösungsansätze für den Zugang zu Land diskutierten. Diese Aktivitäten unterstreichen das Engagement der Kulturland-Genossenschaft, politische Rahmenbedingungen zugunsten gemeinwohlorientierter Landnutzung zu beeinflussen und eine nachhaltige Zukunft für die Landwirtschaft zu fördern.


Jeder Beitrag zählt

Die Kulturland-Genossenschaft lädt alle Interessierten ein, sich für den Erhalt und die nachhaltige Bewirtschaftung von Boden einzusetzen. „Wir glauben, an kaum einer anderen Stelle kann Geld so wirksam werden, um eine ökologische und regional eingebundene Landwirtschaft zu fördern wie bei der Kulturland-Genossenschaft“, so die Vorstände Stephan Illi und Titus Bahner. Durch die Zeichnung von Genossenschaftsanteilen oder direkte Unterstützung ihrer Projekte kann jeder und jede zur Sicherung einer wertvollen Kulturlandschaft beitragen.

Ernährungssouveränität versus Ernährungssicherung?

Im November 2018 sprach Prof.  Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, auf der
3. International Conference On Agricultural Engineering and Food Security. In seinem Vortrag zeigte er auf, wie Ernährungssouveranität und Ernährungssicherheit miteinander in Einklang gebracht werden können.

Bauernrechte stärken

Der Begriff Ernährungssouveränität hat seine Wurzeln in der Vereinigung Via Campesina, einer Gruppe von Bäuerinnen und Bauern sowie Landarbeiterinnen und Landarbeitern, die sich unter anderem für unabhängige Landwirtschaft und die Rechte von Bauern, Landfrauen und der Jugend einsetzt. Mittlerweile unterstützt eine Vielzahl von NGOs und Bauerngewerkschaften dieses Konzept, das eine nachhaltige Lebensmittelversorgung für eine wachsende Bevölkerung sicherstellen soll. Ziel der Ernährungssicherung ist, dass global alle Menschen dauerhaften wirtschaftlichen und körperlichen Zugang zu sicheren und nahrhaften Lebensmitteln haben. Die Ernährungssouveränität baut darauf auf: Neben der sicheren Verfügbarkeit postuliert sie eine freie Auswahl von Lebensmitteln entsprechend des kulturellen Hintergrunds sowie die Rücksichtnahme auf individuell bevorzugte Ernährungsgewohnheiten.

Lokale Märkte – lokale Kunden

Um globale Ernährungssouveränität zu gewährleisten, müssten sich laut Prof. Gottwald die legalen Voraussetzungen jedoch deutlich von der heutigen politischen Praxis unterscheiden. Lokale Märkte und der Waren- und Güteraustausch zwischen ErzeugerInnen und KonsumentInnen könnten die Preise senken und die Souveränität der Einzelnen erhöhen. Außerdem müssten ausgewählte Grundnahrungsmittel subventioniert werden, sodass eine gesunde und nährstoffreiche Ernährung für alle Menschen ermöglicht wird.

Überwindung eines agrarpolitischen Konflikts

Stehen globales Wirtschaftswachstum und die Möglichkeit, Ernährungs- und Landwirtschaftsstil selbst zu definieren und zu wählen, im Widerspruch? Der „entweder … oder“-Ansatz sei obsolet, so Prof. Gottwald, vielmehr ginge es um ein grundsätzlich inklusives Denken: Die Produktion muss bei wachsender Weltbevölkerung zunehmen, dabei sollte aber auch Ernährungssouveränität garantiert werden. Grüne Revolution und ökologische Intensivierung schließen sich nicht aus, sondern sollten Hand in Hand gehen.

Offene ethische Fragen

Bedingung für eine solche Entwicklung ist die legale und ethisch verantwortungsvolle Ausrichtung zukünftiger Marktstrukturen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf Technik, Patente, Boden und Verbraucherrechte. Darüber hinaus spielen Tierwohl sowie der Schutz von Umwelt- und Ökosystemen eine wichtige Rolle. Die globalen Macht-Asymmetrien müssen verschoben und durch solche ersetzt werden, die Ernährungssouveränität garantieren, sodass sie den Kampf gegen den Hunger unterstützen.

 

Weitere Informationen zum Thema finden Sie im aktuellen Jahrbuch Ökologie: „Leitkultur Ökologie? Was war, was ist, was kommt?“

Flotte fleißige Flieger – der 1. Welt-Bienen-Tag

43.500.000.000 – so viele Honigbienen leben etwa in Deutschland. Sie erzeugen 20 % des Honigs, der bei uns verzehrt wird. Denn wir Deutschen naschen im Jahr pro Kopf ca. 1,1 kg Honig. Um den Nektar für diese Menge Honig zu sammeln, müsste eine einzige Biene über sechs Mal die Erde umfliegen – eine beeindruckende Leistung der Arbeiterbienen. Auch die Hummel, eine Wildbienenart, wird zunehmend für die Bestäubung in Gewächshäusern eingesetzt.

Damit es weiter summt und brummt

Am 20. Mai war der 1. Welt-Bienen-Tag – ein Gedenktag für diejenigen, die unsere Ernährung sichern. Denn ohne Bienen wäre unser Speiseplan mager, wie unlängst ein Supermarkt in Hannover veranschaulichte. Für einen Vormittag nahm er alle Produkte, für die die Bestäubung unerlässlich ist, aus den Regalen – ganze 60 % des Sortiments. Die Insekten, und somit auch die Bienen, sind akut bedroht: Im Zeitraum von 1989 bis 2015 sind 75 % der Insekten aus Deutschland verschwunden. Es liegt nahe, dass die Populationen durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft stark zurückgegangen sind.

Wir alle sind gefragt

Nun macht die Politik erste zaghafte Schritte mit dem Verbot von drei Neonikotinoiden in Richtung Insektenschutz. Viele Umweltorganisationen haben ihre Forderungen an ein Aktionsprogramm Insektenschutz formuliert, Platzverweise für Bienengifte wurden ausgesprochen und viele weitere Aktionen sind geplant.

Enkeltauglich und Insektenfreundlich

Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, an dem sich auch die Schweisfurth Stiftung beteiligt, setzt sich für eine Förderung unabhängiger Forschung zu Ackergiften sowie für die Erarbeitung einer Roadmap hin zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft im Dialog mit Landwirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft ein. „Eine enkeltaugliche Landwirtschaft kann nur im gemeinsamen Dialog entwickelt werden – für diesen setzen wir uns als Stiftung, auf der Basis unabhängiger Forschung, ein“, so Dr. Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung.

Weitere Informationen zum Bündnis und Möglichkeiten zur Unterstützung finden Sie hier.

Dialog und Forschung für eine enkeltaugliche Landwirtschaft

Ein erschreckender Verdacht erhärtet sich: Pestizide, die in der industriellen Landwirtschaft in großem Stil auf Äckern ausgebracht werden, machen nicht vor dem Feldrand halt. Sie verbreiten sich flächendeckend durch die Luft, werden eingeatmet und gelangen so direkt in unseren Körper (Urinale). Diese Forschungserkenntnisse waren Anlass für die Gründung des „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“, das durch Forschung und Dialog Wege hin zu einer zukunftsfähigen Landwirtschaft entwickelt. Auf der Biofach 2018, der Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, präsentierte sich das Bündnis bestehend aus der Bürgerinitiative Landwende, der Schweisfurth Stiftung und namhaften Bio-Herstellern und Bio-Händlern zum ersten Mal der Öffentlichkeit.

Vor mehr als 130 Interessierten erklärten die Beteiligten ihr Ziel einer enkeltauglichen Landwirtschaft, die es im Austausch mit Politik, Gesellschaft und konventioneller Landwirtschaft gemeinsam zu gestalten gilt. Die Schweisfurth Stiftung beteiligt sich als Prozessbegleiter und Brückenbauer zwischen Bündnispartnern, Wissenschaft und BürgerInnen.

Dialog mit konventioneller Landwirtschaft

Besonders wichtig ist dem Bündnis „intensiv ins Gespräch mit den konventionellen Landwirten zu kommen“, betont Stefan Voelkel, Geschäftsführer des gleichnamigen Öko-Getränkeherstellers. Gemeinsam soll im offenen Gespräch eine Roadmap entwickelt werden hin zu einer Landwirtschaft, die „die Lebensgemeinschaften auf den Äckern in ihrer ganzen komplexen Vielfalt hütet“, so Johannes Heimrath, Sprecher der Bürgerinitiative Landwende: „Dies stellt das zentrale Bemühen einer enkeltauglichen Landwirtschaft dar.“

Baumrinden-Studie untersucht Ackergifte

Die Schweisfurth Stiftung unterstützt das Bündnis insbesondere durch die Koordinierung unabhängiger Forschung. Nach der Pilotstudie „Baumrinde 2017“, bei der u. a. eine Pestizidbelastung im Englischen Garten in München festgestellt wurde, finanziert das Bündnis eine unabhängige Baumrinden-Untersuchung in Deutschland. Dabei soll dem Verdacht nachgegangen werden, dass die Verfrachtung von Pestiziden nicht am Rand konventioneller Felder haltmacht, sondern sich flächendeckend durch die Luft ausbreitet. Sollte die Vermutung einer flächendeckenden Verbreitung der Pestizide über Städte und Bio-Äcker bewiesen werden, ist das Nebeneinander von ökologischer und chemischer Landwirtschaft gefährdet.

Verantwortung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft übernehmen

Die Bürgerinitiative Landwende hat die Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ ins Leben gerufen. Um den Dialog in Gesellschaft und Politik zu intensivieren, unterstützt die Schweisfurth Stiftung als Bündnispartner die Kampagne. Gemeinsam setzen sich die Akteure des Bündnisses dafür ein, dass die Landwirtschaft auch noch für unsere Enkel „taugt“. Heike Kirsten von Rapunzel fasste auf der Biofach das Anliegen der Bündnispartner zusammen: „Wir haben nur diese eine Welt: Das bedeutet höchste Verantwortung, die Erde so zu bewirtschaften, dass sie auch für nachfolgende Generationen lebenswert erhalten bleibt.“

Einladung zum Mitmachen

Das Bündnis freut sich sehr über ein Engagement weiterer Bio-Betriebe, NGOs und Privatpersonen. Als Bündnispartner gestalten Sie zusammen mit bekannten Bio-Herstellern und Bio-Händlern die Wege hin zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft. Durch Baumpatenschaften und Spenden unterstützen Sie die Studien zu zentralen Forschungsfragen und intensivieren den Dialog in der Gesellschaft.

Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft

Ein Bündnis von namenhaften Bio-Herstellern, Bio-Händlern, der Bürgerinitiative Landwende und der Schweisfurth Stiftung wollen über den heutigen Tag hinaus für gute Lebensmittel sorgen. Das Bündnis möchte, dass auch zukünftige Generationen ökologischen Landbau betreiben und unbelastete Nahrung zu sich nehmen können. Eine Anzahl der heute verwendeten Ackergifte breiten sich zunehmend und flächendeckend über das Land aus. Wenn das nicht gestoppt wird, droht die Gefahr, dass ökologische Landwirtschaft zukünftig nicht mehr möglich ist. Es ist höchste Zeit für eine echte Landwende.

Wie kann ein pragmatischer Wandel hin zu einer Landwirtschaft ohne Ackergifte funktionieren? Um Antworten auf diese Frage zu finden, hat sich das Aktionsbündnis zwei Hauptziele gesetzt:

  • Förderung unabhängiger Forschung zu Ackergiften
  • Erarbeitung einer Roadmap hin zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft im Dialog mit Landwirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft

Hintergrund

Die Studie „Urinale 2015“ belegt, dass bei nahezu allen Menschen, auch bei denen, die überwiegend Bio-Produkte kaufen, Glyphosat im Körper nachgewiesen werden kann. Wie aber kommt Glyphosat in den Körper? Eine Pilotstudie 2018 zeigt mittels der Analyse von Baumrinden, dass Ackergifte weiträumig über die Luft verfrachtet werden und damit auch die Existenz der ökologischen Landwirtschaft bedrohen. Die weiträumige Verbreitung von Ackergiften über die Luft ist im Zulassungsprozess von Pestiziden in Europa jedoch bisher kaum berücksichtigt. Offene Fragen wissenschaftlich zu fundieren, den Dialog mit Entscheidungsträgern zu suchen und damit eine Änderung der Bewertungsgrundlage zu ermöglichen, das ist das Bestreben des Bündnisses.

Aktionen 2018

Für 2018 hat das Bündnis eine umfangreiche Studie zur Analyse von Baumrinden in Auftrag gegeben. Damit soll eine belastbare Grundlage für die Abschätzung der Luftverfrachtung von Ackergiften geschaffen werden. Parallel dazu lädt das Aktionsbündnis Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zum Dialog ein und informiert die Öffentlichkeit über neue Erkenntnisse.

Beteiligung

Das Aktionsbündnis freut sich über Unterstützung. Privatpersonen können über die Bürgerinitiative Landwende aktiv werden. Interessierte Unternehmen können sich bei der zentralen Koordinationsstelle, der Schweisfurth Stiftung, über verschiedene Beteiligungsformen am Bündnis oder die Unterstützung der ‚Baumrinden Studie 2018’ informieren.
Werden Sie zum Beispiel Standort-Pate. Standort-Paten (Privatpersonen oder Unternehmen) beteiligen sich an der Finanzierung weiterer Standorte für die Baumrinden-Studie 2018. Dadurch wird die Aussagekraft der Studie erhöht. Gerne prüfen wir gemeinsam mit Ihnen, ob ein Standort in Ihrer Nähe möglich ist.

Die MacherInnern

Im Aktionsbündnis „Ackergifte? Nein danke!“ haben sich Bio-Hersteller und Bio-Fachhändler zusammengeschlossen, die ausschließlich auf Erzeugnisse aus ökologischer Landwirtschaft setzen und sich für eine enkeltaugliche Landwirtschaft einsetzen. Das Bündnis macht mit seinen Aktivitäten die Leistungen von Unternehmen sichtbar, die sich zu 100% bio verpflichtet haben.

Bündnispartner

Allos, basic, Bohlsener Mühle, ebl-Naturkost, Morgenland, Neumarkter Lammsbräu, Ökoland, Rapunzel, Sonnentor, St. Leonards Quelle, SuperBioMarkt, Voelkel

Förderpartner

Arche Naturprodukte, Chiemgauer Naturfleisch, Hermannsdorfer Landwerkstätten, Mauracher Bio-Hofbäckerei, Naturgut, Isana Naturfeinkost, Öma Beer, Riegel Weinimport

Initiatoren

Bürgerinitiative Landwende und basic

 

Kurz-gut

Projektname: Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft
Startschuss:
2018
Status:
läuft
Wirkungskreis:
deutschlandweit
Zielgruppe:
Privatpersonen und Unternehmen
Maßnahme:
unabhängige Forschung, Erarbeitung einer Roadmap
Ansprechpartner:
Dr. Niels Kohlschütter, Kontakt: nkohlschuetter [at] schweisfurth-stiftung.de
Mehr unter:
http://enkeltauglich.bio

„Gemüse aus dem Hochhaus?“

Auszüge aus dem Beitrag der Schweisfurth Stiftung im Kritischen Agrarbericht 2018.

Ein neuer Trend aus den Ballungszentren Asiens macht auch an den europäischen Stadtgrenzen keinen Halt: Vertical Farming (VF). Hochtechnologisierte Unternehmen bieten damit eine weitere Art der (peri)urbanen Nahrungsmittelproduktion. Global werden zunehmend Flächen in Städten für den Anbau von Kräutern und Gemüse erschlossen – was mit Urban Gardening Bewegungen begann, wird nun professionalisiert und industrialisiert.

Was ist Vertical Farming?

Unter dem Begriff Vertical Farming werden verschiedenste, vertikal aufgebaute Kreislaufanlagen zur Erzeugung von pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln zusammengefasst. Gemüse und Kräuter werden in hydroponischen Systemen zumeist erdlos bzw. anorganisch auf Steinwolle, Kokosfaser o.ä. mit einer Nährstofflösung versorgt. Bei der Aquaponik teilen sich Pflanzen und Fische das zirkulierende Wasser und nutzen die jeweiligen Abfallprodukte des anderen als Nährstoffe. Angebaut wird in zum Teil mehrstöckigen Gebäuden oder unterirdisch beispielsweise, in ehemaligen Bunkern. Die Kombination aus einer dosierbaren Nährstoffversorgung und Licht-Bestrahlung durch LED-Lampen bietet ideale Bedingungen für ein schnelles Wachstum der Pflanzen und Fische.

Das neue Bio?

Die Vorteile des VF scheinen offensichtlich: Die Transportwege zwischen Produzent und Verbraucher sind kurz. Durch den Etagenbau wird wenig Fläche verbraucht, durch die geschlossenen Anlagen wird Wasser eingespart. Düngemittel sind kaum notwendig. Doch was sagt der kritische Blick aus ethischer Perspektive? Inwieweit kann eine solche anorganische Lebensmittelproduktion zu einer nachhaltigen und umweltethisch vertretbaren Lebensmittelversorgung beitragen?

Ein Zwischenfazit

Anhand der Sustainable Development Goals (SDGs)  haben Nora Klopp und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald in ihrem Artikel hydroponische und aquaponische Kreislaufanlagen unter die Lupe genommen. Wie naturnah muss oder naturfern darf der Anbau von Lebensmitteln sein, um noch als nachhaltig zu gelten? Einige Folgerungen und Forderungen der Schweisfurth Stiftung in Hinblick auf den VF Trend sind hier angeführt. Für ein abschließendes Urteil ist jedoch weitere Forschung notwendig.

  • „Die Regeneration und Pflege von Böden ist zwingend notwendig. Dies kann auch im Rahmen von ökologischem Landbau geschehen. Der Betrieb von [Kreislaufanlagen] kann nicht als Alternative bei weiter voranschreitender Bodenerosion gelten. Es gilt eine Konfliktverlagerung von Konkurrenz um fruchtbare Böden hin zu Nährsubstraten zu unterbinden.
  • Die Gesundheitsfolgen von Pflanzen aus anorganischem Anbau sind weitgehend ungeklärt. Vor einer Zulassung müssten langfristige Folgen für Mensch, Tier und Pflanzen erforscht werden.
  • Mit zunehmender Inbetriebnahme von VF-Systemen steigt das Risiko der Abnahme von Biodiversität von Saat- und Zuchtgut. Ein Erhalt der Biodiversität trotz voranschreitender Spezialisierung im Lebensmittelsektor muss garantiert werden.“
  • Vertical Farming darf nicht zu einem Reboundeffekt führen und die Flächenversiegelung verstärken. Wenn durch Vertical Farming ursprünglich landwirtschaftlich genutzte Fläche frei wird, muss die weitere Nutzung dieser Landflächen im Sinne einer nachhaltig ökologischen Entwicklung klar geregelt sein.
  • „Um Hydrokultur und Aquaponik als nachhaltig einstufen zu können, ist eine ganzheitliche Prüfung unter Berücksichtigung aller Faktoren (inklusive der externen Kosten) notwendig. Dazu gehören u. a. Energie, Wasser, Nährstoffe, Regeneration, Flächennutzung.“

 

Lesen Sie hier den ganze Artikel „Gemüse aus dem Hochhaus?“ von Nora Klopp und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald im Kritischen Agrarbericht 2018 nach. Der Kritische Agrarbericht 2018 wurde am 18. Januar 2018 mit dem Schwerpunkt „Globalisierung gestalten“ und Stellungnahmen zur aktuellen Agrarpolitik auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorgestellt. Seit 1993 wird er jährlich vom AgrarBündnis e.V. herausgegeben und dokumentiert die thematische Bandbreite der agrarpolitischen Debatte vor dem Hintergrund der europäischen und weltweiten Entwicklung. Hier finden Sie die aktuelle Pressemitteilung.

Globale Herausforderungen – lokale Lösungen

Die Urban Food Governance Tagung

Die Lebensmittelversorgung kehrt in die Stadt zurück – in Form von Stadtgärten, SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft), Vertical Farming, essbaren Städten, Food Trucks – so die These der DNEE Tagung. Anlass dafür ist unter anderem die gestiegene Neugierde der (Groß)StädterInnen auf die Ursprünge der Ernährung. Hinzu kommt: Essen ist längst kein Privatvergnügen mehr, vielmehr beschäftigen sich Politik, Wissenschaft, Stadtplaner, Bürger und neuerdings auch Ernährungsräte mit Urban Food Governance.

Multidisziplinäre Perspektiven

Im Rahmen der vom Netzwerk Ernährungskultur (EssKult.net), dem Deutschen Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) und der Schweisfurth Stiftung organisierten Tagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“ diskutierten über 40 WissenschaftlerInnen aller Altersgruppen die aktuellen Entwicklungen. In fünf Blöcken der zweitägigen Veranstaltung an der Hochschule Fulda wurden aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven die Rolle von Ernährungsräten, Migration und Ernährung sowie städtische Initiativen und Akteuren im urbanen Raum thematisiert.

Raum für Experimente: das Food Lab Stadt

Selbstermächtigung und Eigeninitiative treiben die Pioniere der verschiedenen Projekte und Start-Ups an. Aktuell entsteht eine vielfältige Landschaft lokaler und urbaner Initiativen und Alternativen. Die Ziele reichen von Armutsbekämpfung über Klimaschutz und Gesundheit bis zu nachhaltiger Raumplanung und Bildung. Es gilt, die Fremdbestimmung sowie Entfremdung von der Lebensmittelproduktion zugunsten der Ernährungssouveränität zu überwinden. Philip Stierand (Speiseräume) spricht von einer Ernährungsbewegung, die nicht mehr die Sicherung der Kalorien zum Ziel hat, sondern vielmehr das Food Lab Stadt als Handlungs- und Experimentierraum für Alternativen zur Hightech-Produktion erobert.

Die Gratwanderung zwischen Nische und Mainstream

Doch die Stadt hat ihre Grenzen. Auf engem Raum konkurrieren soziale, ökologische und ökonomische Akteure um Flächen, Einfluss und Finanzierung. Ella von der Haide (Universität Kassel) wagte einen kritischen Blick auf die Bewegung und ihre Trittbrettfahrer: Kommerzialisierung, Green Washing und Gentrifizierung unterminieren die ursprünglichen Intentionen der Initiativen mit sozialen und ökologischen Wurzeln. Andererseits wird die Bewegung so von der Nische in den Mainstream transportiert. Alexander Schwinghammer (Bauhaus Universität Weimar)  beleuchtet in diesem Kontext die Ecopreneurs, die Sky-, Rooftop- sowie Hightech Vertical Farming und damit die wirtschaftlichen Produktionsprozesse in die Städte zurückholen.

Weggabelung oder Koexistenz?

Die Sustainble Development Goals (SDGs) lassen Wege zur Nahrungsmittelproduktion offen. Es existieren jedoch mindestens zwei Pfade, so Franz-Theo Gottwald: Einer, der im Sinne der Bioökonomie ausschließlich auf Hightech und Biomasse setzt, sowie einen weiteren, der die Koexistenz lokaler, naturnaher und vielfältiger, oft auch handwerklicher Strukturen zulässt. Welcher Pfad in die Zukunft weist, darüber wird gestritten. Jana Rückert-John, Vorsitzende des Netzwerks Ernährungskultur, betonte das gesellschaftliche Spannungsfeld im Alltag: während einige Akteure einen Wandel anstreben, gilt es auch diejenigen mitzunehmen, die Veränderungen mit Vorbehalten und Angst gegenüberstehen.

Die hohe Anzahl der Besucher und die vielen hochkarätigen Beiträge zeigen, das Thema Urbane Food Governance ist brandaktuell. Lars Winterberg (Universität Regensburg, Universität des Saarlandes) fasste die Konferenz treffend zusammen: Es besteht weiterhin großer Forschungsbedarf rund um die städtische Lebensmittelversorgung – und es braucht Offenheit für vielschichtige Konzepte der Landwirtschaft im urbanen Raum.

Tipps zum Weiterlesen:
Westra, Laura; Gray, Janice; Gottwald, Franz-Theo (2017): The Role of Integrity in the Governance of the Commons. Governance, Ecology, Law, Ethics. Springer, Schweiz 2017.

Die internationale Vielfalt des Urban Gardening

„Soll ich die Bohne in meinen Hinterhof in Aleppo pflanzen oder lieber gleich meinen Hunger damit stillen, bevor sie möglicherweise später jemand schneller erntet als ich?“ Vor allem bei konkreten Projekten wurde es besonders spannend auf der von der Schweisfurth Stiftung unterstützten Internationalen Urban Farming Conference in Berlin am 11. und 12. September 2017.

177 Teilnehmende aus 30 Ländern spiegelten die Vielfalt der vertretenen Projekte wider. Marielle Dubbeling von der RUAF Foundation bezeichnete in ihrer Eröffnungsrede diese Vielfalt als Möglichkeit, um auf die unterschiedlichen Herausforderungen beim Urban Gardening individuelle Antworten zu finden.

Urbanes Gärtnern von Berlin bis Rosario

Vor Herausforderungen stehen sowohl die Projekte im globalen Süden, als auch die Teilnehmenden aus dem Norden. So beschrieben zum Beispiel die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens Almende Kontor bei der Exkursion auf dem Tempelhofer Feld die Schwierigkeiten, die mit dem Strukturwechsel von einer „freien Gestaltung“ hin zu per Luftbild dokumentierten und nummerierten Beeten verbunden sind.

Mit ganz anderen Problemen beschäftigen sich die Projekte im globalen Süden: Am zweiten Konferenztag lag der inhaltliche Fokus darauf, welche Rolle Urban Farming hier in Krisenzeiten übernimmt, beziehungsweise inwiefern Krisen das urbane Gärtnern fördern. Dies wurde unter anderem in den Beiträgen von Javier Alejandro und Laura Bracalenti aus Rosario/Argentinien oder Zoé Beau von 15th Garden in Syrien deutlich.

Bei der Podiumsdiskussion und auch später bei der Abschlussdiskussion im Fishbowl-Format wurden inhaltliche Spannungen thematisiert, die mit dem Engagement des Nordens im Süden verbunden sein können. Zum Beispiel, wenn Studenten mit dem festen Vorsatz in den Süden reisen, dort etwas nach ihren Vorstellungen ändern zu wollen. Oder bei Projekten, die auf Grund des unterschiedlichen Materialzugangs im Norden und Süden nur bedingt übertragbar sind. Schade, dass kaum Zeit dafür blieb, mehr auf die Impulse, Fragen und Erfahrungen aus dem Publikum einzugehen.

Stadt-Land-Beziehung: eine internationale Herausforderung

Dr. Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung, war mit einer interaktiven Präsentation des Stiftungs-Projekts Werkstatt Stadt – Land –Tisch vertreten. Die Werkstätten bieten Akteuren aus Stadt und Land einen Raum, um kreative Ideen, Produkte, soziale Innovationen oder das lokale Netzwerk weiterzuentwickeln. Der Fokus liegt dabei auf einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Gestalterinnen und Mitmacher sind unter anderem Bürger*innen der Region, Landwirt*innen und Gärtner*innen, lokale Initiativen und Projekte, Start-ups, Handwerksbetriebe rund um die Lebensmittelverarbeitung oder Teilnehmende aus Politik und Verwaltung.

Der Vortrag knüpfte thematisch an den Workshop „Vernetzung Stadt-Land“ vom Vortag an: „Spannend! Sowohl der interaktive Einstieg in die Poster-Präsentation, als auch das Projekt Werkstatt Stadt – Land –Tisch an sich“, zeigte sich Martina Kolarek von der Initiative Die Boden Schafft Berlin interessiert, während immer mehr Menschen zu der regen Diskussion dazukamen.

Die Präsentation wird auf der Homepage der Grünen Liga zum Download bereitstehen.

Call for Papers zur Tagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“

Das Netzwerk Ernährungskultur (Esskult.net) & die Schweisfurth Stiftung/Deutsches Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) laden Wissenschaftler/innen und Interessierte zur Tagung nach Fulda ein. Vom 9.-11. November 2017 stehen an der Hochschule Fulda urbane Ernährungssysteme und ihre Rolle in der kommunalen Nachhaltigkeits-Governance im Fokus. Ziel der Tagung ist es, neue Ansätze und Konzepte einer urbanen Food Governance zu beleuchten sowie ihre Potenziale und Grenzen auszuloten und zu diskutieren.

Wer kann am Call for Papers teilnehmen?

Eingeladen sind Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Fachdisziplinen, wie Soziologie, Politikwissenschaften, Kulturwissenschaften, Ethnografie, Geschichtswissenschaften oder Geografie. Wir möchten vor allem Nachwuchswissenschaftler/innen auffordern, sich mit wissenschaftlich-theoretischen oder praxisorientierten-empirischen Beiträgen zu bewerben.

Bis 15. Juni 2017 können Abstracts mit max. 2.500 Zeichen zu den folgenden Fragestellungen rund um das Thema urbane Food Governance eingereicht werden:

  • Auf welche Probleme, gesellschaftliche Herausforderungen und Bedarfe reagieren die Projekte und Initiativen einer urbanen Food Governance?
  • In welchem Verhältnis definieren sie sich zur etablierten kommunalen Politik und anderen Stakeholdern (z. B. Ernährungswirtschaft)?
  • Welche Ziele verfolgen sie und welche Lösungsansätze stellen sie vor?
  • Welche Rolle spielen hierbei Konzepte, wie soziale Innovationen, Postkapitalismus / Postwachstum oder gesellschaftliche Transformation?
  • Mit welchen Herausforderungen sind die Projekte und Initiativen konfrontiert?
  • Welche Akzeptanz und welchen Zuspruch finden sie in der Bevölkerung?
  • Mit welchen alternativen Wertvorstellungen sind sie verbunden?
  • Inwieweit spielt hierbei die Integration Geflüchteter eine Rolle?

Genauere Informationen finden Sie im offiziellen Call for Papers.

Urban Food Governance

Veränderte Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert (wie globalisierter Handel von Lebens- und Futtermitteln, Urbanisierung oder Auswirkungen des Klimawandels) und neue Ansprüche der Konsument/innen in den westlichen Industrieländern (wie Nachhaltigkeit und Fairness) führen dazu, dass sich die städtische Lebensmittelversorgung grundlegend wandelt und die Ernährungspolitik in die Stadt „zurückkehrt“. Internationale Initiativen wie beispielsweise der Milan Urban Food Policy Pact appellieren an Kommunen und andere Stakeholder, die integrative Funktion des Themas Ernährung als Treiber für Stadtentwicklungsziele – wie Armutsbekämpfung, Klimaschutz, Gesundheit, Raumplanung und Bildung – zu nutzen, Projekte im Bereich der lokalen Lebensmittelproduktion zu fördern und urban-regionale Ernährungsstrategien zu entwickeln.

Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance
Termin: 9.-11. November 2017
Ort: Hochschule Fulda
Call for Papers: einzureichen bis spätestens 15. Juni 2017

Leuchtturmprojekt für urbane Agrikultur in Windhoek

Die namibianische Hauptstadt liegt im globalen Trend: Es wird erwartet, das sich die städtische Bevölkerung bis 2050 von 322.000 auf etwa 700.000 Menschen verdoppelt. Um die Ernährung der Einwohner heute und in Zukunft sicherzustellen, sieht das Projekt „Growing Food in Windhoek“ insbesondere die Regierung in der Pflicht an einer zukunftsfähigen urbanen Entwicklung mitzuwirken. Mit dem Unterzeichnen des Milan Urban Food Policy Pacts hat die Stadt ihre strategische Rolle in der Mitgestaltung anerkannt. Daran hat auch die von der Schweisfurth Stiftung geförderte Projektleiterin Ina Neuberger Wilkie, Senior Project Manager des World Future Councils, entscheidend mitgewirkt. Sie stellte am 2. April 2017 in Bregenz beim World Future Forum 2017 das erfolgreiche Projekt zur Bekämpfung von Hunger vor.

Eloolo Permaculture Initiative

Neben der Regierung, ist auch die Zivilgesellschaft in Windhoek in das Projekt einbezogen. Dem extremen Klima zum Trotz werden urbane Gärten angelegt, um Hunger, Unter- und Fehlernährung entgegenzuwirken. Dabei wird von den Gärtnern viel Geschick verlangt, denn die Anbauzeiträume sind kurz und müssen effizient gestaltet werden. Angewandt wird das Prinzip der Permakultur, das bereits Anfang der 70er Jahre von Bill Mollison und David Homgren insbesondere für trockene Landschaften entwickelt wurde. Dabei sollen Ökosysteme geschaffen werden, die die Diversität, Stabilität und Widerstandsfähigkeit von natürlichen Ökosystemen besitzen und so zeitlich unbegrenzt funktionieren. „Die Philosophie hinter Permakultur ist eine Philosophie, die mit und nicht gegen die Natur arbeitet.“, so Bill Mollison.

Reiche Ernte

Marula, Feigen, Papaya, Karee, Moringa, Tomaten, Zitronen, Mangold – die Früchte des Projekts wachsen. Neben der tatsächlichen Ernte werden best practice Beispiele und Know-How ausgetauscht, Stakeholder werden vernetzt und Lösungen in Workshops in Windhoek geteilt: im Grundschulgarten von Van Rhyn, auf lokalen Märkte wie dem Green Market, Okuryangava, Tukondejeni, The Organic Box und AMTA, in Management-Initiativen von Gärten und vielen mehr.

Stürmische Zeiten in der Agrarpolitik

Zu Jahresbeginn sorgte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks mit den „Bauernregeln“ für stürmische Zeiten in der Agrarpolitik. Regelrechte Shit-Storms überrollten das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Landwirte fühlten sich beleidigt, diffamiert und verunglimpft. Die Kampagne wurde daraufhin eingestellt und Frau Hendricks sah sich dazu veranlasst ein Statement auf facebook zu veröffentlichen. Seitdem wird demonstrativ der gesellschaftliche Dialog gesucht – auf nationaler und europäischer Ebene.

Ruf nach Veränderung aus der Bevölkerung

Auch wenn sich manche noch dagegen wehren, die Herausforderungen, die in den „Bauernregeln“ des BMUB thematisiert werden, müssen ernstgenommen werden. Der Wunsch nach verantwortungsvoller Tierhaltung und ökologischem Lebensmittelanbau ist in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Eine aktuelle vom NABU beauftragte forsa-Umfrage aus dem Januar 2017 zeigt beispielsweise, dass sich Bürger eine andere Verteilung der landwirtschaftlichen Subventionen wünschen als bisher. 78% der Befragten sprechen sich für die Vergabe von Fördergeldern an Landwirte gemessen an ihrem gesellschaftlichen Beitrag aus, nicht an der Größe des Betriebs.
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und die Bundesumweltministerin setzen sich dafür ein, mit den EU-Zahlungen in Zukunft landwirtschaftliche Betriebe für die Erbringung gesellschaftlicher Leistungen zu unterstützen. Darüber hinaus fordert die AbL, auch die bereits heute zur Verfügung stehenden Gelder gezielt an landwirtschaftliche Betriebe zu zahlen, die ökologisch und sozial verantwortungsvoll wirtschaften. Der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hat dafür einen eigenen BÖLW-Fachausschuss Wirtschaftspolitik gegründet, um jene politischen Strukturen aufzudecken, die mehr Nachhaltigkeit in der Lebensmittelproduktion verhindern.

Die EU-Diskussion läuft an

Auf europäischer Ebene steht die Agrarpolitik ebenfalls weit oben auf der Agenda. Im Rahmen der Reformvorbereitungen der gemeinsamen EU-Agrarpolitik lädt die EU-Kommission von Februar bis April 2017 EU-Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an einer europaweiten Konsultation ein. Online können Landwirte, Verbände, NGOs und alle anderen Interessierten ihre Meinung zur Zukunft der Agrarpolitik kundtun. Die Ergebnisse der öffentlichen Anhörung werden im Internet veröffentlicht und im Juli 2017 auf einer Konferenz in Brüssel vorgestellt. Sie fließen zudem in die Mitteilung der Kommission ein, welche Schlussfolgerungen zur derzeitigen Leistung der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie mögliche politische Optionen für die Zukunft enthalten wird. Die Schweisfurth Stiftung begrüßt die Öffnung der Diskussion rund um die Lebensmittelproduktion in der EU.

Wie das Wetter um den Frühlingsanfang so hält es sich den Sommer lang

Ob die „Bauernregeln“ von Ministerin Hendricks nun ein geeignetes Mittel waren oder nicht, sei dahingestellt. Die längst notwendige Diskussion rund um die Agrarwende hat die Kampagne jedoch ins Rollen gebracht – und sie wird sicherlich auch über den Sommer hinaus anhalten.

Marken, Märkte, Manipulation

Was sind die Trends in der Nahrungsmittelindustrie? Wie ist die enorme Machtkonzentration in der Agrarwirtschaft entstanden? Wer kollaboriert oder kontrolliert, um noch mehr Profit aus der Produktion von Lebensmitteln zu schlagen? Der KONZERNATLAS 2017, publiziert von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Akteure, regt aktuell in Deutschland neue Debatten rund um die Agrar- und Lebensmittelindustrie an. Der Atlas ist eine Zusammenstellung von Zahlen und Fakten zur Agrarindustrie, ansprechend aufbereitet in zahlreichen Grafiken und mit umfassenden Hintergrundinformationen.
Wir haben für Sie in diesem Beitrag drei der zentralen Themen aufgegriffen und kurz zusammengefasst. Den vollständigen Bericht finden Sie hier.

Land wird ausverkauft

Lediglich vier Großkonzerne kontrollieren aktuell rund 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen. Unzählige Fusionen von Unternehmen führten in der Vergangenheit zu einer beispiellosen Machtkonzentration in der Hand weniger Akteure. Ihre enormen wirtschaftlichen Mittel ermöglichen es ihnen, immer weiter große Landflächen zu pachten oder zu erwerben. Die dort geschaffenen Monokulturen dienen einer Landwirtschaft, die immer weiter industrialisiert wird und Kleinbauern sowie mittelständische Unternehmen verdrängt.

Wasser wird privatisiert

Blaues Gold in privater Hand. Wasser ist für die Industrie ein begehrtes Gut und spielt insbesondere in der Nutztierhaltung, z.B. in Indien, eine essentielle Rolle. Die Öffentlichkeit erhält jedoch nur ein unvollständiges Bild davon, wie sich die Gewinnung, die Verschmutzung und der Export von Wasser auf Umwelt und Bevölkerung auswirken. Die zunehmende Privatisierung von Wasser in vielen Ländern nimmt den ansässigen Menschen das Recht auf die Nutzung einer lebenswichtigen Ressource. Außerdem ist die Qualität des Grundwassers durch den übermäßigen Einsatz von Düngemittel und Pestiziden in der landwirtschaftlichen Produktion stark gefährdet.

Lebewesen werden patentiert

Die Konzerne versprechen sich vom Einsatz patentierter, genetisch veränderter Pflanzen, noch höhere Erträge und bessere Versorgungssicherheit. Doch oft benötigen diese High-Tech-Pflanzen weitere Agrarchemie und spezielles Anbau- und Ernte-Know-how. Über beides können nur zahlungskräftige Bauern verfügen, was den Verlust kleinbäuerlicher Strukturen weiter beschleunigt.
Neben Pflanzen, werden auch Tiere optimiert und patentiert. In den großen „Tierfabriken“ werden Nutztiere zu Hochleistungsproduzenten, die möglichst viel des gewünschten mageren Fleisches „produzieren“ und gleichzeitig den Haltungsbedingungen bestmöglich entsprechen. Solange die Kosten für viele Konsumenten das wichtigste Kaufargument sind, wird diese Industrialisierung der Viehzucht voranschreiten und das Wohl der Tiere auf der Strecke bleiben.
Der Konzernatlas ist ein Kooperationsprojekt von Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde diplomatique. Die Autoren haben damit aber nicht nur spannende Fakten gesammelt und Missstände offen gelegt, sondern werfen wichtige Fragen auf und regen zum Handeln an: Dient die Wirtschaft der Menschheit, oder die Menschen der Wirtschaft und dem Profit? Für Interessierte sind im letzten Kapitel einige Initiativen und Bewegungen angeführt, die sich für eine solidarische, umweltverträgliche Landwirtschaft einsetzen.

Guter Nährboden für Solawis

Die Idee lokal und fair (Bio)Lebens-Mittel zu produzieren klingt sehr gut, und doch werden bisher nur vereinzelt landwirtschaftliche Betriebe nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geführt. 120 Solawis stehen ca. 290.000 „normalen“ Betrieben gegenüber, so die derzeitige Bilanz. Es stellt sich die Frage, welche Maßnahmen nötig sind, um den Solawis einen besseren Nährboden zur Verfügung zu stellen, so dass sie an weiteren Standorten Wurzeln schlagen können. Franz-Theo Gottwald nennt in seinem Interview zur Sendung Die Kürbis-Flatrate – Wie eine alte Idee die Landwirtschaft belebt des ZDF, drei Ebenen, auf denen Investitionen notwendig sind:

1. Konsumwende

Die Grundlage stellt eine Konsumwende dar, hin zu nachhaltigem Essen und Trinken. Karl von Koerber, Begründer der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung, hat folgende sieben Grundsätze für eine Konsum- und Ernährungswende benannt:

1.    Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel  (überwiegend lakto-vegetabile Kost)
2.    Ökologisch erzeugte Lebensmittel
3.    Regionale und saisonale Erzeugnisse
4.    Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel
5.    Fair gehandelte Lebensmittel
6.    Ressourcenschonendes Haushalten
7.    Genussvolle und bekömmliche Speisen*

Solawis zeigen in der Praxis einen Weg der nachhaltigen Versorgung mit Lebens-Mitteln auf. Mehr noch – mit ihren Trägern leben sie einen Wandel vor und regen damit zu Reflexion und einem Bewusstseinswandel für einen verträglichen Lebensstil an.

2. Der Unterschied zwischen Preis und Kosten

Wenn die „wahren“ Preise von Lebens-Mitteln im Supermarkt für den Kunden transparent wären, würde diese Sichtbarkeit (hoffentlich) zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Produkten führen – von der Auswahl, Lagerung und Konservierung bis hin zur Zubereitung der Nahrungsmittel. Denn der „wahre“ Preis enthält auch bisher nicht berücksichtigte Kosten, wie die global spürbaren Umwelt-, Klima-, Sozial- und Bodenverlustkosten, um nur einige zu nennen. Lebensmittel müssten bei Vollkostenrechnung etwa 30 bis 50 % teurer sein. Bei der sogenannten „Integration der externen Kosten“ handelt es sich um eine strukturelle Herausforderung, die politische Schritte erfordert. Dies betrifft insbesondere die Besteuerung ausgelagerter Produktion und ihrer negativen Auswirkung auf die Umwelt.

3. Ein Netzwerk der Verwurzelung

Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft leistet bereits viel in der Unterstützung von bestehenden und geplanten Solawis. Doch der Aufbau einer breiten Solawi-Landschaft benötigt weitere Investitionen in bestehende Institutionen. Neben rechtlicher und technischer Expertise sind Hilfestellungen unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll, z.B. in Rechtsberatung, Unterstützung im Management von Kooperationen und beim Sichern von Agrarflächen. Denn viele kleine Betriebe bringen Wissen auf diesen Ebenen nur bedingt mit, so dass Tools und Hilfe zur Selbsthilfe essenziell sind.

* übernommen aus Koerber, Karl von (2014): Fünf Dimensionen der Nachhaltigen Ernährung und weiterentwickelte Grundsätze – Ein Update.

Ein neues altes Konzept – die Solawi

Bisher nimmt die solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, nur eine Nische im gewerblichen Anbau von Gemüse und Ackerbau ein. Zum Weltbodentag 2016 am 5. Dezember können in Deutschland 117 Betriebe gezählt werden, die sich unter dem Begriff zusammenfassen lassen – von der Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs in Gehrden im Umland von Hannover und dem Hof Hollergraben in Schönwalde, über den Lindenhof in Gelsenkirchen bis hin zum Kartoffelkombinat in München. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die solidarische Landwirtschaft von seinem Nischendasein zu befreien, Neugründungen anzuregen und zu fördern sowie bestehende Höfe mit Rat und Tat zu unterstützen. Das basisdemokratische und partizipativ organisierte Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für die Solawi engagieren und die Bewegung mitgestalten wollen.

Global, saisonal und genügsam zugleich?

Die Wiege der Solawi liegt in Japan, wo sie unter dem Namen Teikei bekannt ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Phänomen zunehmend ausgebreitet. Im englischsprachigen Raum ist es als Community Supported Agriculture kurz CSA und in Frankreich als Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne (AMAP) bekannt. Weltweit lässt sich ein Wachstum der Bewegung verzeichnen, vornehmlich im Gemüseanbau. Um eine veritable Alternative zu werden, muss jedoch ein Umdenken auf breiterer Basis stattfinden, hin zu mehr Suffizienz. Suffizienz (lateinische sufficere) bedeutet in diesem Sinne freiwillig, also aus Einsicht, die Ressourcen zu schonen und sich auf das Notwendige zu beschränken. Die Beschränkung würde mit Blick auf die Solawi bedeuten, dass nicht alles immer verfügbar sein kann, sondern Lebensmittel je nach Saison angeboten werden.

Von Transparenz, Ressourcen und Verantwortung

Die Solawi für die Masse ist somit an bestimmte Voraussetzungen geknüpft: Sie erfordert neben der genannten Einsicht des Einzelnen eine Änderung des grundlegenden Wertemusters – weg von dem Streben nach Quantität hin zu mehr Qualität. Denn der Anbau jenseits der Massenproduktion ist zeit- und damit auch kostenintensiv. Bisher nicht kalkulierte Kosten durch Umweltverschmutzung oder soziale Missstände werden bei der Solawi allerdings berücksichtigt und somit durch Produktions- und Konsumänderungen vermeidbar. Die Produkte, zumeist ökologisch hergestellt, haben daher einen anderen Wert – in Bezug auf die Nährstoffdichte aber auch was die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen für Mitmensch und Mitgeschöpfe angeht. Die regionale Produktion schont zudem Ressourcen, und das nicht nur durch kürzere Lagerung und Transportwege.

Der Reichtum Afrikas – Vortrag mit Joseph Ngugi Mutura

Kenia hat annähernd 46 Millionen Einwohner, mehr als zwei Drittel von ihnen leben von der Landwirtschaft.  Doch durch den Klimawandel, ungebremstes Bevölkerungswachstum und die Stagnation der landwirtschaftlichen Produktivität sind viele Millionen Kenianer abhängig von Lebensmittelhilfen.
Dabei ist Afrika eigentlich ein unglaublich reicher Kontinent. Die eigenen Ressourcen müssen nur erkannt und nachhaltig genutzt werden – dies ist das Credo des SACDEP-Gründers Joseph Ngugi Mutura. Der Kenianer leitet seit 1992 das Sustainable Agriculture Community Development Programme SACDEP und schult Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im organischen Landbau. Inzwischen können dank seines Projektes fast 70.000 Familien in Kenia auf eigenen Beinen stehen und mit ihrer Landwirtschaft für ihr Auskommen sorgen.

Am 20. April 2016 ist Joseph Ngugi Mutura zu Gast in München und berichtet aus erster Hand von den langjährigen Wasserversorgungsprojekten in Afrika, die er gemeinsam mit der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung und Lammsbräu betreibt. Er stellt sein erfolgreiches Konzept der Kleinbäuerinnenorganisation vor, das auf Selbsthilfegruppen und Ausbildung im organischen Landbau setzt.
Gemeinsam mit der basic AG, Neumarkter Lammsbräu und der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung lädt die Schweisfurth Stiftung am 20. April 2016 ins Kaufmanns-Casino München e.V. (Odeonsplatz 6) zu diesem exklusiven und spannenden Vortrag ein.
Die Teilnahme ist kostenlos. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, Einlass ist ab 18.30 Uhr.
Bitte melden Sie sich so bald wie möglich unter info@schweisfurth-stiftung.de oder 089/17 95 95 0 an, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

Von Experten lernen und mitdiskutieren: Das Münchner Forum Nachhaltigkeit

Ernährungssicherung, Umweltschutz, Klimawandel, Post-Wachstum, Mobilität, Fracking, Ressourcenschutz, Energiewende, Globalisierung – das Münchner Forum Nachhaltigkeit (MFN) bietet eine Informations- und Diskussionsplattform rund um aktuelle Nachhaltigkeitsthemen.
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Was genau passiert beim Fracking? Was sind Gemeingüter? Wie kann man seinen ökosozialen Anspruch auch im Alltag nachhaltig umsetzen? Das MFN sucht gemeinsam mit interessierten Gästen auch auf schwierige Fragen konkrete, praxistaugliche Antworten. Seit 2005 laden der Verein oekom e.V., die Selbach-Umwelt-Stiftung und die Schweisfurth Stiftung bis zu acht Mal im Jahr zu den Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ein.


Expertinnen und Experten machen komplexe Themen zugänglich

Die Veranstaltungen sind meist schnell ausgebucht. Kein Wunder, denn die Referentinnen und Referenten sind hochkarätige Experten.Naturwissenschaftler und Politiker Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung Prof. Dr. Jean Ziegler, Dr. Hans R. Herren, Co-Vorsitzender des Weltagrarberichts, Silke Helfrich, Gründerin des Commons-Instituts, Prof. Dr. Michael Braungart, Mitbegründer des Cradle-to-Cradle-Prinzips – das sind nur einige der Vortragenden, die in den vergangenen Jahren den Münchnern das Thema Nachhaltigkeit in seinen verschiedenen Ausprägungen näher gebracht haben.

Beliebte Veranstaltungsreihe mit starken Partnern
An unterschiedlichen Veranstaltungsorten wird eine breite Öffentlichkeit angesprochen: Rund 1.500 Gäste erreicht das MFN jährlich mit seiner Vortragsreihe. Begleitet von starken Kooperationspartnern wie der Die Umwelt-Akademie e.V., der Bürgerstiftung München, Green City e.V., der Hochschule für angewandte Wissenschaften München sowie der Ringvorlesung Umwelt der Studentischen Vertretung der TU München werden hier Fragen behandelt, die auf unsere Zukunft entscheidenden Einfluss haben werden.

Sie haben Interesse an dieser Veranstaltungsreihe? Alle Termine, Veranstaltungsinformationen und Anmeldemodalitäten finden Sie hier.
Ab sofort können Vorträge auch beim Youtube-Kanal des MFN abgerufen werden.

 

Kurz-gut

Projektname: Münchner Forum Nachhaltigkeit
Startschuss: 2005
Status: läuft
Wirkungskreis: lokal, regional
Zielgruppe: Interessierte an Themen rund um Nachhaltigkeit
Maßnahme: Mitveranstalter
Ansprechpartner: Dr. Manuel Schneider, oekom e.V.
Mehr unter: mfn-net.de

 

HighTech gegen den Hunger? Dossier zur Bioökonomie erschienen

Die Frage, wie wir in Zukunft eine wachsende Weltbevölkerung gut ernähren können, stand im Mittelpunkt des Global Bioeconomy Summit, der vom 24. bis 26. November in Berlin stattfand. Die Verfechter der Bioökonomie sehen die Antwort in der Technologisierung der Landwirtschaft. Ertragssteigerungen, (gen-)technische Lösungen und mehr Effizienz sollen dafür sorgen, dass alle satt werden. Doch wie wirksam ist die Ökonomisierung des Biologischen tatsächlich im Kampf gegen Hunger und Armut? Wo liegen die Gefahren? Und: Welche sinnvollen Alternativen gibt es? Ein soeben erschienenes Dossier von Stiftungsvorstand Franz-Theo Gottwald und Wissenschaftsjournalist Joachim Budde im Auftrag des Instituts für Welternährung geht diesen Fragen auf den Grund.

Statt mehr Nahrung: Mehr Probleme
Die ernüchternde Bilanz von Gottwald und Budde: Bioökonomie leistet bislang keinen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung. Vielmehr kommen die beiden Autoren zu dem Schluss, dass die bioökonomische High-Tech- und Investitionsstrategie den Kampf um Boden und biologische Ressourcen verschärft. Damit fördert der bioökonomische Ansatz Hunger, Armut und Flucht, anstatt diese Probleme zu lösen.

Die Kommerzialisierung von Leben
Problematisch sei außerdem die zunehmende Kommerzialisierung alles Lebendigen, so die Agrarexperten Gottwald und Budde. Saatgut, Tiere, Pflanzen − alles verkomme zur Ware. Beteiligungsansprüche von lokalen Gemeinschaften fielen dabei unter den Tisch, ebenso wie die Idee der Gemeingüter (Commons). Biotechnologische Verfahren wie Gentechnik oder synthetische Biologie sollen Leben optimieren, effizienter machen, an die (wirtschaftlichen) Interessen der Industrie anpassen. Aber: „Die Wunderwaffen der Bioökonomie können nach hinten losgehen“, warnt Franz-Theo Gottwald. Seien die biologischen Hochrisikotechnologien einmal im Einsatz, ließen sie sich nicht mehr stoppen, geschweige denn rückgängig machen. Profitieren würden von dieser Entwicklung nicht die Hungernden, sondern die Konzerne.

Einen interessanten Beitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt (Huffington Post) zu der Bioökonomiestudie können Sie hier online  lesen.

Zum Weiterlesen: Franz-Theo Gottwald & Anita Krätzer: Irrweg Bioökonomie. Kritik an einem totalitären Ansatz. Suhrkamp 2014.

 

Welternährungstag: Agenda zur Bekämpfung des Hungers

Weltweit hungern nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 800 Millionen Menschen; jeder dritte Mensch leidet an Unter- bzw. Fehlernährung. Andererseits werden jährlich nach Schätzungen der Vereinten Nationen (VN) circa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. Matthias Middendorf, Mitarbeiter der Schweisfurth Stiftung, macht sich anlässlich des Welternährungstages Gedanken über die Ursachen und die Folgen des Hungers.

Mission Ernährung

Die FAO wurde am 16. Oktober 1945 als erste internationale Organisation noch vor den VN gegründet und feiert heute ihr 70-jähriges Jubiläum. Ihr Ziel ist es, den Hunger weltweit zu bekämpfen und den Lebensstandard vor allem der Menschen in ländlichen Gebieten zu verbessern. Deshalb steht der diesjährige Welternährungstag unter dem Motto „Sozialer Schutz und Landwirtschaft – den Kreislauf von bäuerlicher Armut durchbrechen“. Unter der Teilnahme des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moo werden die offiziellen Feierlichkeiten auf dem Gelände der Expo 2015 in Mailand veranstaltet, denn die diesjährige Weltausstellung steht unter dem Leitspruch „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Seine Eindrücke und Gedanken zur Expo hat unser Vorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald nach einem Besuch der Ausstellung im Juli zusammengefasst.

Große Herausforderungen – kleine Erfolge?

Seit nunmehr sieben Jahrzehnten bietet die FAO ein Forum für Landwirtschafts-, Fischerei- und Ernährungsfragen, berät nationale Regierungen in agrarpolitischen Fragen und erarbeitet Strategien zur Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung. Eine Mammutaufgabe angesichts der riesigen Zahl an Hungernden. Zwar lassen sich Erfolge erkennen: In den vergangenen 25 Jahren konnte auch dank des Engagements der FAO die Zahl der Hungernden in der Welt von über einer Milliarde auf rund 800 Millionen gesenkt werden. Das eigentliche Ziel, die Anzahl auf 500 Millionen zu senken, wurde jedoch verfehlt. Aktuell steht die Sonderorganisation vor mehreren Herausforderungen: Patentstreitigkeiten, prekäre politische Verhältnisse, militärische Auseinandersetzungen und wachsende Ungleichheiten zwischen ländlich geprägten und industrialisierten Regionen verschärfen die Not vieler Menschen.

Gründe für den Hunger

Die Verringerung der Anzahl hungernder Menschen ist somit nur ein Teilerfolg. Denn die Gründe für den Welthunger sind vielfältig und vielschichtig: Politische Rahmenbedingungen, globale Verteilungsfragen, das fehlende oder verlorengegangene Wissen über regional angepasste Produktionsmethoden und unzureichende Infrastruktur in vielen Teilen der Welt.
Der aktuelle Welthunger-Index stellt zudem einen engen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und dem globalen Hunger dar. Die meisten Auseinandersetzungen und deren Folgewirkungen wie Flucht und Vertreibung sind die Ursache für Hungersnöte oder akuten Hunger. Aktuell sind über 172 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten betroffen, deren Auswirkungen zum Teil noch durch Naturkatastrophen oder die internationale Politik verschärft werden.

Hunger nach Fleisch

Zudem führt der globale Anstieg des Fleischkonsums dazu, dass beim Kampf um knappe Anbauflächen Futtermittel und Grundnahrungsmittel zunehmend in Konkurrenz zueinander treten. Das trifft die Menschen in ländlichen Gebieten besonders hart. Ihnen bleibt schlicht nicht genug Anbaufläche, um sich und ihre Familien zu ernähren. Um diese Ursachen langfristig zu bekämpfen, braucht es Investitionen in eine bäuerliche, lokal ausgerichtete Landwirtschaft. Diese Landwirtschaft ist umweltverträglich, sozial und zugleich wirtschaftlich rentabel. Sie bezieht die komplette Wertschöpfungskette mit ein — vom Acker bis zum Teller. Denn die ausreichende Versorgung der Menschen mit Nahrung ist eine Grundvoraussetzung für jede gesellschaftliche Entwicklung.

Entwicklungsziele – Neuer Versuch

Dieser Zusammenhang wurde auch Ende September in der Verabschiedung der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung aufgegriffen. Die Neuausarbeitung der Sustainable Development Goals (SDGs) war notwendig, da die im Jahr 2000 verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) auslaufen, obwohl längst nicht alle Ziele erreicht worden sind. Die neuen SDGs sind ambitionierter formuliert, da sie auf einem ganzheitlichen Ansatz beruhen. Sie gelten nicht nur für die Entwicklungsländer, sondern für alle Staaten und vereinen ökologische, wirtschaftliche und soziale Ziele. Das Ergebnis eines zweijährigen Konsultationsprozesses sind 17 Ziele und 169 Unterziele, die für eine nachhaltige Entwicklung stehen.

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Die Ziele, beispielsweise die vollständige Überwindung von Hunger, bei gleichzeitiger Halbierung der Lebensmittelverluste, sollen bis 2030 erreicht werden. Die jeweiligen Länder können Schwerpunktthemen setzen — bindend sind diese Bestrebungen aber nicht. Die SDGs zeigen gebündelt den notwendigen Handlungs- und Veränderungsbedarf auf regionaler, nationaler und globaler Ebene. Deutschland möchte bereits 2016 im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie über den Umsetzungsstand der SDGs berichten. Die Umsetzung aller Ziele ist somit von Beginn an kritisch zu begleiten.

Global denken, lokal essen
Jeder kann durch seinen Lebensstil das Ausmaß des Hungers reduzieren. Wer auf importierte und transport- wie lagerintensive Lebensmittel verzichtet, und auf Siegel wie fairen Handel achtet, ernährt sich frischer und schont die Umwelt. Eine gute Einkaufshilfe ist zum Beispiel der Utopia Saisonkalender.

Weiterlesen
Peter Cornelius Mayer-Tasch (Hg.): Der Hunger der Welt. Ein fatales Politikum. Campus, Frankfurt a.M. 2011. In ihrem Beitrag „Wer wird die Welt ernähren? Nachhaltige Landwirtschaft als Chance“ zeigen Franz-Theo Gottwald und Isabel Boergen konkrete Lösungsansätze zur komplexen Thematik.

Hinschauen
Der soeben in Deutschland angelaufene Dokumentarfilm „Landraub“ zeigt die Konsequenzen von globalen Spekulationen um Ackerland. Dabei lässt der Film sowohl Bauern wie auch Investoren zu Wort kommen, statt einfach nur anzuprangern. Hier geht’s zum Trailer des Films.

Headerfoto: Aus dem Film Landraub. „Äthiopien: Kleinbauern bei der Ernte“, © movienet

 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien anlässlich des Welternährungstages 2015.

Divinus halitus terrae – auf der EXPO 2015 in Mailand

Eindrücke und Gedanken von Prof. Franz-Theo Gottwald

Divinus halitus terrae – der göttliche Atem der Erde empfängt die Besucher der EXPO 2015 in Mailand. In Worten auf der eindrucksvollen Ausstellungshalle der UN. Doch auch die Präsenz der großen Sponsoren aus Lebensmittelindustrie und Energiewirtschaft empfängt einen – noch vor dem Passieren der Besucherkontrolle und auf dem gesamten Gelände. Divinus halitus terrae, dieses Leitmotiv einer lebendigen Erde habe ich als ein ermutigendes Zeichen erlebt für das große Menschheitsprojekt des 21. Jahrhunderts: Nachhaltiges Wirtschaften. Die Besucher werden im Pavillon Zero – Zero als ein Hinweis auf „Null Hunger“ als Schwerpunktthema der UN – gleich auf eine der wichtigsten Ressourcen hierfür hingewiesen: das über die Jahrtausende gesammelte Wissen zur Ernährungssicherung. Imposant dargestellt mit einem 24 Meter langen und 50 Meter hohen „Archiv des Wissens“. Eine künstlerisch und inhaltlich hervorragend inszenierte Präsentation über Nahrung als kulturbildende Kraft.

Slowfood als Schlusspunkt der Ausstellung

Auch wenn viele engagierte Slowfood Mitglieder – wie ich höre – enttäuscht sind über die „schlechte Platzierung“ der exzellenten Slowfood-Präsentation am Ende des 1,5 km langen Ausstellungsareals – so habe ich gerade diesen Platzierung als zukunftsweisend wahrgenommen. Nach einem längeren Weg, der bei der UN beginnt, kommen die Besucher über viele verschiedene Optionen (147 ausstellende Teilnehmer) wie die Menschheit in Zukunft ernährt werden kann, am Ende zu Slowfood – und hier auf den Geschmack der Biodiversität, der Regionalität, der Bäuerlichkeit und der Handwerkskunst.


Unterschiedlichste Blickwinkel auf die Zukunft der Ernährung

Die Länder-Präsentationen in Mailand sind so vielfältig wie die Esskulturen auf dem Planet Erde. Mit dem übergeordneten Expo-Thema „Feeding the planet. Energy for life“ setzen sie sich mal mehr, mal weniger auseinander. Die folgenden vier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Zukunft der Ernährung sein können.

Niederlande: Kann die Technik alles richten?

Die Niederlande legen den Fokus zu 100 % auf industrielle, technische Lösungen. Gentechnik, „Fünf-Sterne-Hotels für Hühner“, „Schmerzfreie Gänseleber“ gehören unter anderem dazu. Eine Präsentation, die die Befürworter einer sozialen und ökologischen Ernährungszukunft konfrontiert und zu Widerspruch reizt. Ob wohl die knietief im Wasser stehenden Kühe auf dem Ausstellungsareal der Holländer eine metaphorische Bedeutung haben?


Ökolandbau auf der Expo: Ein Nischenthema

Apropos Bio und Ökolandbau: Bei meinem dreitägigen Expo-Besuch habe ich keine explizite Präsentation hierzu entdeckt. Dass Sepp Braun aus dem Raum München zu den sechs Expo-Botschaftern im deutschen Pavillon gehört, hat mich gefreut. Gleichzeitig hat es mich auch traurig gestimmt, dass dieser Ökopionier-Landwirt, „nur“ als „Bodentüftler“ vorgestellt wird, ohne dabei Bio auch nur zu erwähnen.


Deutschland: Vom Urban Gardening zum virtuellen Supermarkt

Im deutschen Pavillon werden die Zusammenhänge zwischen Boden, Wasser, Klima und der Ernährung verdeutlicht. Auch der Aufruf, bewusst zu konsumieren, fehlt nicht.

Mein persönliches Resümee:  Deutschland fordert die Besucher auf, aktiv zu werden, sei es beim Urban Gardening, sei es bei sozialer und klimagerechter Erzeugung. Wie das alles mit Milchkuh-Optimierung (ein Exponat der Universität Bonn) und virtuellem Supermarkt zusammen gehen soll, ist offen geblieben.


Deutschland-Urban-Gardening

Frankreich: Wo Nahrungsaufnahme zelebriert wird

Wie könnte es auch anders sein: Frankreich nimmt die kulinarische, gastronomische Seite der Ernährung in den Blick, ebenso wie das Zelebrieren von Essen und Trinken. Selbstbewusst inszeniert in einem architektonisch gelungenen Pavillon in Form einer offenen Holzkonstruktion.


Österreich: Luft als Lebensmittel

Das am Eingang der Expo von der UN inszenierte Motto „Divinus halitus terrae“ hat Österreich atem-bar und konsequent umgesetzt. Die Besucher werden eingeladen, durch eine original österreichische Bergwelt zu spazieren und tief durchzuatmen. Ganz nebenbei erfahren sie dabei etwas über die Bedeutung guter Luft als Lebensmittel, als Gemeingut, als Klimamacher und vieles mehr aus dem zukunftsrelevanten Wissen um die Pflege von Kulturlandschaften.


Divinus halitus terrae Schweisfurth Stiftung Wald Österreich

Mein Ausblick

Mein Expo-Besuch war im übertragenen Sinne ein Moment des Luft- und Inspiration-Holens sowie des Beobachtens, wie in den letzten Jahrzehnten ein Bewusstseinswandel im Hinblick auf Landwirtschaft, Ernährungsgewohnheiten, Energieerzeugung und -verbrauch weltweit angestoßen wurde. Auch und gerade von der vielgestaltigen Umweltbewegung.

Gleichzeitig waren meine Expo-Tage heiße Tage. Buchstäblich, denn es hatte gefühlte 50 Grad unter den Zeltplanen der Expo-Plazza. Und im übertragenen Sinn: Bis wir bei den Idealen von Slowfood ankommen werden, ist es noch ein langer, schweißtreibender Weg. Glauben Sie mir – es lohnt sich, ihn zu gehen.


Ihr Franz-Theo Gottwald