Gemeinsam ackern: Solidarische Landwirtschaft zum 2. Mal im politischen Berlin

Julia Hartkemeyer (links) von der Solidarischen Landwirtschaft Hof Pente und Dr. Niels Kohlschütter (rechts), Vorstand der Schweisfurth Stiftung, im Gespräch über die aktuellen Herausforderungen kleinbäuerlicher Landwirtschaftskonzepte

Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) – hier ackern VerbraucherInnen und LandwirtInnen gemeinsam. Die Vorteile dabei liegen auf der Hand: Transparenz über Herkunft und Art der Erzeugung der Lebensmittel, Unabhängigkeit von Marktpreisen sowie geteiltes Risiko bei schlechter Ernte, Planungssicherheit bei Produktion und Abnahme. Doch damit es nicht bei den heute rund 260 Leuchtturmprojekten bleibt, sondern das erfolgreich in der Praxis erprobte Konzept der Solidarischen Landwirtschaft auch im ländlichen Raum Verbreitung findet, braucht es Veränderungen bei den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen. Denn diese sind bisher zumeist auf die industrialisierte Landwirtschaft ausgerichtet und können eine kleinbäuerliche Landwirtschaft erschweren. Welche konkreten Schritte dafür notwendig sind, wurde auf dem zweiten Fachtag des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft  diskutiert. Mit dabei: Dr. Niels Kohlschütter, Vorstand der Schweisfurth Stiftung.

Agrarpolitik muss zukunftsfähige Konzepte fördern, nicht konterkarieren

Ziel des jährlich stattfindenden Fachtages des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft ist es, in den Dialog mit Politik und Forschung zu treten und das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft weiter bekannt zu machen. Der Fokus wurde dieses Jahr auf zwei Fragen gelegt: Was macht den „Mehrwert“ der Solidarischen Landwirtschaft für die Gesellschaft aus? Welche politischen und institutionellen Änderungen sind notwendig, um alternative Konzepte zur industriellen Landwirtschaft zu fördern? Im Zentrum der Diskussion stand die bekannte Problematik, dass die derzeitige Agrarpolitik vor allem agrarindustrielle Betriebe begünstigt und die Verbreitung von alternativen, kleinstrukturierten Landwirtschaftsmodellen hemmt. Dies gilt auch für den Bereich Vermarktung: Für viele kleine verarbeitende Betriebe stellen bspw. die hohen Anforderungen bzgl. der Nährwertangaben einen enormen Aufwand dar, den kleinere Betriebe nicht effizient leisten können und die zudem ohne bedeutenden Mehrwert für VerbraucherInnen sind. Und auch hinsichtlich rahmenrechtlicher Vorschriften gibt es Verbesserungspotenzial, wie Julia Hartkemeyer von der Solidarischen Landwirtschaft CSA Pente berichtet: „Wir sind gerade dabei einen neuen Stall zu bauen. In diesem sollen drei Tierarten unterkommen und zudem noch ein Begegnungsort für Menschen geschaffen werden – eine richtige Innovation also. Leider ist es sehr aufwendig die Genehmigung dafür zu bekommen, da solche Sonderfälle mit Unsicherheiten bei den Behörden verbunden sind. Für flexible Lösungen muss man sich selber sehr gut bei den geltenden Regelungen auskennen.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Fachkräfteausbildung: Auch hier werden kleinstrukturierte Betriebe vernachlässigt, denn die derzeitige Ausbildung ist auf die Praktiken der industriellen Landwirtschaft ausgelegt. Nun ist die Politik gefragt, rechtliche und bürokratische Regelungen anzupassen, um so alternative und zukunftsfähige Landwirtschaftsmodelle zu fördern.

 

Chancengleichheit für Groß und Klein

„Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft wird immer häufiger umgesetzt und gewinnt stetig an Bedeutung. Und die Praxis zeigt: SoLaWis können als Impulsgeber in der Region wirken und einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Doch damit die Bewegung weiterwachsen kann, muss die Politik für Chancengleichheit für kleine und große Betriebe sorgen und darüber hinaus auch die Innovationskraft der kleineren Betriebe fördern anstatt sie zu behindern“, resümiert Dr. Niels Kohlschütter.

Hier geht es zur Tagungsdokumentation des 2. Fachtages.

Mitmachen: Partizipation als Grundlage für die Gestaltung der eigenen Region

In Wurzen und Lindau wurde gerade einmal mehr deutlich: Das Konzept der Mitmach-Konferenz der Schweisfurth Stiftung ist ein voller Erfolg. Immer mehr Menschen wollen selbst aktiv werden und sich für eine nachhaltige und enkeltaugliche Zukunft einsetzen. Das Credo lautet: Nicht mehr länger warten bis sich etwas in Politik und Wirtschaft ändert, sondern selbst Gestalter*in der eigenen Region werden. Die Mitmach-Konferenz befähigt dazu.

Wie gestalten wir gemeinsam die Region nachhaltig?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der Zukunftswerkstatt in Wurzen , welche von der Schweisfurth Stiftung gemeinsam mit einem transdisziplinären Projektkonsortium im Rahmen des Projektes WERTvoll organisiert wurde. Dazu wurden am 28.11.2019 Akteure aus den Bereichen Landwirtschaft, Gemeinschaftsverpflegung, Handel, Kommunikation und Kulturlandschaftsentwicklung zusammengebracht, um für einen Tag gemeinsam an Strukturen für eine nachhaltige Versorgung der Großstadt Leipzig durch ihr Umland zu erarbeiten. Ziel dabei war es, konkrete Ansätze der Zusammenarbeit zu entwickeln, welche zudem die Stadt-Land-Beziehungen stärken und Leipzig und Umgebung langfristig zu einem Leuchtturm für andere Regionen zu machen.

Mitmach-Konferenz für alle: Das Open-Source Prinzip

Was es für die Organisation und Durchführung einer Mitmach-Konferenz braucht, soll zukünftig allen Interessierten zugänglich sein. Denn nur so kann sich das vielversprechende, partizipative Veranstaltungsformat verbreiten und noch mehr Menschen dazu befähigen, Gestalter*in der eigenen Region zu werden. Deshalb erstellt die Schweisfurth Stiftung aktuell, zusammen mit WirUndJetzt e.V. , der Be the Change Stiftung und den Pioneers of Change, ein Handbuch und einen Onlinekurs, sodass Menschen im gesamten deutschsprachigen Raum eigenständig eine Mitmach-Konferenz veranstalten und damit ihre Region nachhaltig prägen können. Dass das funktioniert, zeigte dieses Jahr der Verein WirUndJetzt e.V.: Für ein Wochenende verwandelten dieser am 2. und 3. November 2019 die Inselhalle in Lindau in ein Labor für die nachhaltige Gestaltung der Bodenseeregion.

Einfaches Konzept, große Wirkung

Bei einer Mitmach-Konferenz kommen für einen oder mehrere Tage Menschen aus Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammen, um darüber zu diskutieren wie Bürger*innen zur nachhaltigen Gestaltung der Region beitragen können. Es wird eine Landkarte erarbeitet, welche Initiativen es schon gibt, welche es vielleicht noch braucht und wie diese unterstützt werden können. Im Zentrum steht dabei das Mitmachen: Nach kurzen Impulsvorträgen werden gemeinsam konkrete Ideen und Umsetzungskonzepte erarbeitet. Ziel ist es, dass die Teilnehmer*innen miteinander in den Dialog treten, sich vernetzen und dadurch Veränderungen anstoßen und neue Kooperationen in die Wege leiten. Wie die beiden Veranstaltungen in Wurzen und Lindau zeigen: Das Konzept geht auf!

Mehr Informationen zu dem Projekt finden Sie hier:

mitmach-konferenz.org
wertvoll.stoffstrom.org

Grenzenloses Wissen oder wie Nachbarn voneinander lernen können!

„Um die natürlichen Lebensgrundlagen auch für nachfolgende Generationen zu erhalten, braucht es grenzübergreifende Zusammenarbeit. Mit dem Ziel Praxiswissen schnell zu verbreiten. Der interessante Austausch mit Vertretern aus den Niederlanden hat dies einmal mehr gezeigt“, so Dr. Niels Kohlschütter, Vorstand der Schweisfurth Stiftung.

Die Niederlande stehen hinsichtlich der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung vor ähnlichen Fragestellungen wie ihre europäischen Nachbarländer: Wie können die Klimaziele des Pariser Abkommens erreicht werden? Wie lässt sich der dramatische Verlust der Biodiversität stoppen? Und wie können Boden und Wasser effektiv geschützt werden? In vielen Ländern gibt es bereits Leuchtturmbeispiele und vielversprechende Ansätze, wie diese Herausforderungen bewältigt werden können. Die Niederlande sandte deshalb nun ihre Botschaftsräte in verschiedene Nachbarländer aus, mit dem Auftrag, Best-Practice-Projekte zu identifizieren. Im Zuge dessen ist der niederländische Botschaftsrat für Landwirtschaft, Natur und Lebensmittelqualität, Peter Vermeij zusammen mit seiner Kollegin Anna Meyer zum Austausch in die Schweisfurth Stiftung gekommen.

Mitmach-Konferenz und Boden-Allianz überzeugen

Beeindruckt hat dabei unter anderem das Konzept der regionalen Mitmach-Konferenz, dass die Schweisfurth Stiftung im Rahmen des Projektes Stadt-Land-Tisch entwickelt und beispielsweise im Chiemgau und der Region Bodensee Oberschwaben umgesetzt hat. Bei Mitmach-Konferenzen treffen sich VertreterInnen aus (Land-)Wirtschaft, Politik, Verwaltung sowie alle interessierten BürgerInnen und stellen Projekte und Initiativen aus der Region vor. Ziel ist es Synergien aufzudecken, neue Kooperationen zu initiieren und das Schwarmwissen aller TeilnehmerInnen zu nutzen. Dadurch wird die Vernetzung und Mitarbeit für eine zukunftsweisende, lebenswerte und enkeltaugliche Region gefördert.

Außerdem überzeugte das Solidaritätsprojekt Boden-Allianz in Pfaffenhofen a. d. Ilm, das Dr. Niels Kohlschütter beratend unterstützt. Mit dem Projekt sollen Landökosysteme geschützt, wiederhergestellt und deren nachhaltige Nutzung gefördert werden. Konkret bedeutet dies, dass in den nächsten Jahren die landwirtschaftliche Fläche, die ökologisch und naturnah bewirtschaftet wird, verdreifacht werden soll. Dazu werden gemeinsam mit BürgerInnen und lokalen LandwirtInnen Maßnahmen ergriffen, um gesunde, fruchtbare Böden und die biologische Vielfalt zu erhalten, wiederherzustellen und zu schützen.

Von den Niederlanden lernen

Dr. Niels Kohlschütter, Vorstand der Schweisfurth Stiftung tauscht sich mit Evelien Verbij, Direktorin von BoerenNatuur aus.

Viel gelernt werden kann auch von den Niederlanden – wie sich bei einem Dialog zur Zukunft der Landwirtschaft in Berlin zeigte. Hier hatte Dr. Niels Kohlschütter die Gelegenheit sich mit Evelien Verbij, Direktorin von BoerenNatuur über die Arbeit der Organisation auszutauschen. Sie verfolgt einen – bislang einzigartigen – gemeinschaftlichen Ansatz, um die Agrarumweltmaßnahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union umzusetzen. Im Rahmen der Agrarumweltmaßnahmen erhalten LandwirtInnen finanzielle Unterstützung, wenn sie sich freiwillig zum Schutz der Umwelt und zum Erhalt der Naturlandschaften verpflichten. Um die Verteilung dieser Fördergelder effizienter zu gestalten, gründete BoerenNatuur 40 Kollektive, verteilt über ganz Niederlande. Gemeinsam setzen die LandwirtInnen in ihren Kollektiven Maßnahmen zur Steigerung der biologischen Vielfalt sowie zur Förderung der Wasser- und Bodenqualität um. Das Ergebnis: Die Landwirte profitieren von dem kollektiven Ansatz auf zweierlei Weise: Zum einen erhalten sie dadurch mehr Einfluss und Wissen. Zum anderen nahm der bürokratische Aufwand sowohl für die gesamte Administration als auch für die Bauern selbst deutlich ab. Dadurch konnten die administrativen Kosten um bis zu 20 Prozent reduziert werden, die dann den LandwirtInnen zu Gute kommen. „Dieser Ansatz überzeugt uns! Wir sind froh über den fruchtbaren Austausch mit unseren Kollegen aus den Niederlanden. Wir alle können viel voneinander lernen“, kommentiert Dr. Niels Kohlschütter das Treffen mit den niederländischen Vertretern.