Staatliches Tierwohlkennzeichen – Schwein gehabt?

„Ein Schwein, das in seinem Leben nie galoppiert ist, nie in der Erde gewühlt hat – das weiß vielleicht gar nicht, dass es ein Schwein ist“ so denkt Karl Ludwig Schweisfurth, Gründer der Schweisfurth Stiftung sowie der Herrmannsdorfer Landwerkstätten über Tierwohl und artgerechte Tierhaltung. Themen, die bis heute eine zentrale Rolle in der Arbeit der Münchner Stiftung einnehmen. Als Impulsgeber und Berater begleitet die Schweisfurth Stiftung die aktuellen Debatten rund um das Thema Tierwohl in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Gegenwärtig sorgt die Einführung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens für Diskussion: Kann damit ein tatsächlicher agrar- und tierethischen Fortschritt erzielt werden oder handelt es sich lediglich um ein weiteres Lebensmittel-Siegel im Label-Dschungel? Prof. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung und Tierethiker schätzt das Potenzial des staatlichen Tierwohlkennzeichens wie folgt ein:

Ein agrar- und tierethischer Fortschritt?

Ziel des staatlichen Tierwohlkennzeichens ist es, den Tieren von der Geburt bis zu ihrem Tod mehr Schutz und bessere Haltungsbedingungen zu garantieren. Gleichzeitig ermöglicht es dem Verbraucher schneller und einfacher zu erkennen, bei welchen Produkten höhere als die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten wurden. Hierzu wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein dreistufiges Kennzeichnungssystem – zunächst nur für die Verbesserung der Schweinehaltung in Deutschland, weitere Nutztiere sollen folgen – entwickelt, das auf 13 Kriterien (siehe Grafik) basiert. Alle drei Stufen bieten ein Mehr an Tierwohl und werden dementsprechend gekennzeichnet. Eine Teilnahme ist jedoch freiwillig.

Mehr Platz im Stall, weniger Stress bei Schlachtung und Transport, Verbesserungen im Bereich Futter und Beschäftigung – das staatliche Tierwohlkennzeichen adressiert damit alle wesentlichen Lebensstationen der Schweine und spart auch nicht die kritischen Praktiken des Schwanzkupierens und der Ferkelkastration aus. Werden die derzeitigen gesetzlichen Vorgaben zur Schweinehaltung als Maßstab herangezogen, dann sind die Entwicklungsmöglichkeiten, die das staatliche Tierwohlkennzeichen für Schweine anbietet, ein agrar- und tierethischer Fortschritt.

Zu spät dran!

Allerdings haben sich am Markt längst verschiedene Systeme zur Kennzeichnung von besonders tierwohlgerechtem Fleisch etabliert. So können Kunden schon heute am Biosiegel erkennen, dass das Fleisch bzw. die Wurst aus artgerechter, gesundheitsfördernder Tierhaltung kommt. Ein tatsächlicher Fortschritt wäre an dieser Stelle die Einführung europaweiter einheitlicher politischer Vorgaben für mehr Tierwohl mit verbindlichem Charakter. Möglicherweise könnte hier ein Tierschutz-TÜV für Haltungssysteme helfen, wie er in anderen Ländern, wie beispielsweise der Schweiz, erfolgreich arbeitet. Die Etablierung eines staatlichen Labels ist nicht genug, um die von den Bürgern gewünschten und erforderlichen Verbesserungen in der Nutztierhaltung zu erreichen. Vielmehr müssen klare Richtlinien für alle gesetzlich verankert werden. Es ist ein Schritt in Richtung mehr Tierwohl, bleibt es jedoch bei der Freiwilligkeit der Kennzeichnung, wird das staatliche Tierwohlkennzeichen wohl kaum zu deutlichen, flächendeckenden Verbesserungen in Sachen Tierwohl führen.

Strohschweine – Erfolgreiche Kooperation zwischen Metzgerei und Landwirten

Die Europäische Union ist der zweitgrößte Schweineproduzent weltweit. Allein in Deutschland wurden 2016 27,4 Millionen Schweine gehalten. Dabei übersteigt die Produktion jene Fleischmenge, die zur Selbstversorgung der Bundesrepublik benötigt würde um ca. 18 %. Während die Bestände landesweit annähernd stagnieren, sinkt die Anzahl der Betriebe, wodurch die Anzahl der Tiere pro Betrieb zwangsläufig steigt – mit möglicherweise negativen Folgen für Tiere, Böden, Grundwasser und Klima.

Tierwohl und Verbraucherwunsch – vereinbar oder ein Widerspruch?

Was bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch üblich war, ist heute selten: Schweinehaltung, die es dem Tier ermöglicht, einige seiner angeborenen Verhaltensweisen auszuleben, beispielsweise in kleinen Gruppen auf natürlichem Untergrund beziehungsweise auf Stroh zu leben. Das Konzept des Strohschweins der Landmetzgerei Strobel knüpft daran an. Seit Januar 2015 wird hier nur noch Schweinefleisch von Schweinen aus dem Landkreis Hof, die auf Stroh gehalten werden, verkauft. Diese Art der Haltung bringt zahlreiche Verbesserungen für Tier, Mensch und Fleischqualität mit sich: Die artgerechte Haltung, Bewegung und die Ausübung natürlicher Verhaltensweisen wirken sich auf das soziale Gefüge unter den Schweinen positiv aus. Die Tiere werden durch das Stroh zum Wühlen, sich aneinander kuscheln und zum neugierigen Entdecken des Stalles animiert. Das stark reduzierte Verletzungsrisiko und die seltenere Ausbildung von Bursen (Schleimbeutelveränderungen) kommen der Tiergesundheit und damit dem Tier insgesamt zugute. Teil des Projektes ist auch eine verlängerte Mastdauer, durch die sich die Muskulatur besser ausbildet. Der Endkunde profitiert von der deutlich höheren Fleischqualität und vom Genuss mit gutem Gewissen. Die kooperierenden konventionellen landwirtschaftlichen Betriebe erhalten von der Landmetzgerei einen garantierten Preisaufschlag. Da die Haltung von Schweinen auf Stroh keinen gesetzlichen Vorschriften unterliegt, die über die Anforderung der Schweinehaltungsverordnung hinausgehen, ist der Umstellungsaufwand für die Landwirte gering.

Transparenz für die Verbraucher

Die Landmetzgerei Strobel bietet regelmäßig Hoffahrten zu den Kooperationsbauern an, bei denen sich Kunden selbst ein Bild von den Tieren und der Schweinehaltung machen können. Initiativen wie diese fördern Transparenz, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit und sollen so das Vertrauen der Endkunden stärken. Damit wird eine langfristige Kundenbindung aufgebaut, die es den landwirtschaftlichen Betrieben ermöglicht, manchmal höhere Investitionen zugunsten der Tiere zu tätigen und dafür den Preis der Produkte entsprechend zu erhöhen.

Ich wollt‘ ich wär (k)ein Huhn – Engagement zur Öko-Geflügelzucht

„Ich wollt‘ ich wär ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun, ich legte jeden Tag ein Ei und Sonntag auch mal zwei“ heißt es in einem alten Filmschlager aus den 30er Jahren.

Doch heutzutage möchte man eigentlich kein mehr Huhn sein. Die moderne Legehenne legt nämlich in der Tat fast jeden Tag ein Ei. 300 Stück sind es jährlich; von Natur aus legt ein Huhn nur ein Fünftel davon – die Hochleistungszucht macht es möglich. Doch ihre negativen Begleiterscheinungen sind gravierend: Die Legehybride leiden unter Erkrankungen des Skelettapparates, Erschöpfung, Knochenbrüchigkeit und gesteigerter Aggressivität. Da die männlichen Nachkommen nicht zur Fleischmast taugen, werden jährlich Millionen männlicher Eintagsküken getötet.
Den Masthähnchen ergeht es nicht besser. Sie werden auf schnelle Gewichtszunahme und ein enormes Brustmuskelwachstum hin gezüchtet. In der Folge können sich die Tiere am Ende der nur ca. einmonatigen Mastzeit kaum noch auf den Beinen halten.

Tierzucht auf dem Prüfstand

Die Praktiken der modernen Tierzucht – die einseitige Fokussierung auf Leistung und Profit – werden bereits seit längerem kritisiert. Die Schweisfurth Stiftung setzt sich deshalb gemeinsam mit der Renate Benthlin-Stiftung für Nutztierschutz und der Ökologischen Tierzucht gGmbH für eine Tierzucht ein, bei der das Tierwohl wieder eine zentrale Stellung einnimmt. Dazu luden sie im September 2015 zum ersten Runden Tisch Ökologische Hühnerzucht in die GLS Bank in Frankfurt a. Main. Erzeuger, Züchter, Händler und weitere Engagierte diskutierten intensiv die Potenziale und Herausforderungen der ökologischen Hühnerzucht und waren sich einig: „Nur gemeinsam kommen wir weiter“.

Gemeinsam für mehr Tierwohl

Dabei stellten sich ganz konkrete Fragen auch nach Haltung, Fütterung und Produktqualität. Und auch eine Ökotierzucht muss wirtschaftlich sein: Wie lässt sich das Mehr an Tierwohl finanzieren und kommunizieren? Es gibt heute zahlreiche Initiativen, die im Rahmen des Öko-Landbaus an Zweinutzungshühnern arbeiten. Sie benötigen jedoch dringend einer Koordination , damit sie gemeinsam für mehr Tierwohl wirken und ökonomisch tragfähig wirtschaften können. Bei den Landwirten und Züchtern gibt es außerdem Schulungs- und Veränderungsbedarf für das Management der alternativen Züchtungslinien.

Zweiter Runder Tisch

Im April 2016 fand der zweite Runde Tisch zur Öko-Hühnerzucht statt. Fast fünfzig Teilnehmer*innen diskutierten im Rahmen eines Praktikerworkshops ihre Erfahrungen und die Herausforderungen und Potenziale der Zweinutzungszucht. „Die Vielfalt der Betriebe braucht entsprechende Vielfalt in der Zucht: Gesucht wird deshalb nicht eine einzelne Zweinutzungshuhn-Rasse, sondern eine Bandbreite gesunder Tiere auch aus Kreuzungen für die unterschiedlichen betrieblichen Ansprüche“, erläuterte für die Renate Benthlin-Stiftung die Tierärztin Dr. Anita Idel.

Die Pressemeldung zum ersten Runden Tisch (PDF) können Sie hier lesen.

Sie möchten gerne Eier von Zweinutzungshühnern kaufen und so aktiv Hühnerleid und Kükentöten vermeiden?
Hier finden Sie Informationen und Bezugsmöglichkeiten:

 

Headerfoto: © Andreas Schoelzel; Dr. Anita Idel mit Vorwerkhühnern

„Das Töten wird moralisch ausgelagert“

Fast 60 Milliarden landwirtschaftlich gehaltene Tiere bevölkern unsere Erde. Sie dienen dem Menschen als Eier-, Milch- und Fleischlieferanten. Die überwiegende Mehrheit dieser Hühner, Rinder und Schweine lebt nicht auf grünen Weiden, sondern fernab ihres natürlichen Lebensraums, fernab von Licht und Luft – und fernab des Menschen. Die industrielle Tierhaltung findet weit weg vom Verbraucher statt. Und die sind dankbar, von den realen Bedingungen der Schnitzelproduktion nicht allzu viel mitzubekommen. Kein Wunder also, dass wir manche Tiere als Freunde und andere nur als Gerichte wahrnehmen.

Verantwortung übernehmen

Die Tatsache, dass die Verbraucher vieles nicht wissen wollen, entbindet sie aber nicht ihrer Verantwortung. Und selbst, wer auf die Herkunft seiner Lebensmittel tierischen Ursprungs achtet, wer sich informiert und bewusst lebt, nimmt den Tod eines Lebewesens in Kauf – auch, wenn er den Akt des Tötens moralisch auslagert.

Die große Frage also bleibt: Darf der Mensch Tiere töten?

Bionachrichten

 

Und: Lässt sich Töten überhaupt vermeiden? Antworten auf diese und andere spannende Fragen sucht bionachrichten-Redakteurin Ronja Zöls im Interview mit Stiftungsmitarbeiterin Isabel Boergen.

Zu lesen hier (PDF) oder im aktuellen Oktober-Heft der Bionachrichten zum Schwerpunktthema Tierwohl.

 

 

Interview Boergen United Creatures

 

Was sich ganz konkret in Sachen Tierschutz in der Landwirtschaft ändern muss, und welche spezifischen Tierwohl-Probleme in der Schweinehaltung auf den Prüfstand müssen, erklärt Isabel Boergen Anfang Februar 2016 im Interview mit Michael Hartl von der österreichischen Initiative United Creatures. Das Interview ist der Auftakt einer Artikelserie zu den drängendsten Fragen landwirtschaftlicher Tierhaltung.

 

Gewissens-Bisse oder Von der (antastbaren) Würde des Huhns

Mehr als 700 Millionen Hühner werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet. Die bloße Zahl allein reicht, um sich über unseren Umgang mit dem Mitgeschöpf Huhn einmal Gedanken zu machen. Doch auch die Haltung wirft Fragen auf: Federpicken, Kannibalismus, Kükentöten – das Huhn ist in der agrarindutriellen Realität nur Produktionsfaktor.

Gewissens-Bisse

Wie weit liegen unser Essen und unsere Moral mittlwerweile auseinander? Ernährung ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe der Umweltzeitung des Umweltzentrums Braunschweig e.V. Und gerade Beiträge zu Fleischkonsum, Veganismus und dem Respekt vor dem Lebendigen dürfen bei Fragen rund um Ethik und Nachhaltigkeit unseres Essens natürlich nicht fehlen.  In einem Gastbeitrag beleuchtet Isabel Boergen von der Schweisfurth Stiftung das Verhältnis von Mensch und Tier im Wandel der Zeit. „Von der (antastbaren) Würde des Huhns“ ist ein kleiner Streifzug durch die Tierethik und versucht die Frage zu beantworten: Was darf der Mensch – und warum?

Den Artikel können Sie als PDF herunterladen. Eine Übersicht über die anderen Beiträge finden Sie hier.