Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau sucht nach Lösungen für Widersprüche
Wie lässt sich Öko-Landbau weiterentwickeln, wenn Ziele, Erwartungen und Rahmenbedingungen zunehmend in Spannung zueinanderstehen? Dies war die Leitfrage der Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau (WiTa), die vom 3. bis 6. März 2026 mit rund 420 Teilnehmer:innen an der Universität Bonn stattfand. Die Stiftungsgemeinschaft Schweisfurth Stiftung und Stiftung Ökologie & Landbau ist die Schirmherrin der Tagung.
Unter dem Motto „Widerspruch begegnen – viele Antworten, ein Ökolandbau“ kamen Forscher:innen mit Akteur:innen aus Praxis, Beratung, Verbänden und Politik zusammen, um aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskutieren und gemeinsam Perspektiven für die Umsetzung zu entwickeln. Dabei ging es gleichermaßen um eine kritische Selbstreflexion innerhalb des ökologischen Landbaus wie um eine klare Positionierung gegenüber einem agrarischen Mainstream, der häufig auf kurzfristige Effizienz und externalisierte Kosten setzt.
Die Keynotes der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung spannten einen weiten thematischen Rahmen.
Leistungen und Defizite des Öko-Landbaus
Prof. Dr. Gerold Rahmann, Leiter des Thünen Instituts für Ökologischen Landbau beleuchtete in der Keynote „30 Jahre Ökologischer Landbau“ die Leistungen und Defizite des Öko-Landbaus aus wissenschaftlicher Sicht:
„Die Wissenschaft muss vorsichtig sein, den Öko-Landbau zu bewerten, wenn die Maßstäbe und die Erfahrung dafür nicht reichen. Dieses ist gerade auf globaler Ebene häufig der Fall: Der Öko-Landbau wird als Ideologie und nicht leistungsfähig betrachtet. Dabei leistet der Ökolandbau sehr wohl hervorragende und vorbildliche Leistungen in über 180 Ländern dieser Welt. Er hilft bereits heute erheblich, die Herausforderungen der globalen Ernährungssysteme zu bewältigen. Dieses sollte auch wissenschaftlich Respekt verdienen, was nicht immer der Fall ist.
Die gesamte Wertschöpfungskette des Öko-Landbaus hat sich in den letzten 30 Jahren gut entwickelt, in Deutschland und auch in anderen Regionen der Welt. Die gesetzliche Absicherung der Ziele und Standards sowie Förderprogramme haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. Es gibt aber auch kritische Entwicklungspunkte. Die vom Öko-Landbau selbst gesetzten und gesetzlich festgelegten Ziele (§4 EU Öko-VO 848/2018) werden nach Abstimmung der 138 Anwesenden in der Abschlussveranstaltung nur mit Schulnoten von 2 (giftfreie Umwelt) bis 3- (alte Rassen und Sorten einsetzen) bewertet. Das zeigt, dass der Öko-Landbau zwar leistungswillig ist, auch für gesellschaftliche Ziele, aber noch einiges zu tun ist, um diesen näher zu kommen. Dabei kann und muss die Wissenschaft helfen, in Deutschland und weltweit.“
Biodiversität in Agrarökosystemen
Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein (siehe Foto oben), Leiterin des Fachbereichs Naturschutz und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg, beleuchtete in ihrem Eröffnungsvortrag „Biodiversität in Agrarökosystemen – Vielfalt, Pestizide und eine Frage der Landschaftsstruktur“ die Wechselwirkungen zwischen landwirtschaftlicher Bewirtschaftung und ökologischen Prozessen:
“Die Produktion gesunder Lebensmittel profitiert von einer hohen Vielfalt an Bestäubern, da diese zu einer besseren Frucht- und Samenqualität beiträgt. Gleichzeitig ist die Vielfalt bestäubender Insekten durch Lebensraumverlust und Pestizide bedroht. Daher sollten Agrarlandschaften ausreichend geeignete Lebensräume bieten. Dabei unterscheiden sich die Ansprüche der Bestäubergruppen: Schmetterlinge benötigen größere Flächen als Wildbienen, während Schwebfliegen den geringsten Flächenbedarf haben. Neben der Größe ist auch die Qualität der Lebensräume entscheidend, insbesondere das Angebot an Futterpflanzen und Nistplätzen. Der ökologische Landbau sollte deshalb nicht nur klare Richtlinien zum Pflanzenschutz haben, sondern auch Maßnahmen zur Förderung strukturreicher Landschaften und vielfältige Felder als geeignete Lebensräume für Nützlinge entwickeln.”
Ökolandbau von morgen
Charlotte Kling, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Agrarökologie und nachhaltige Anbausysteme, Hochschule Eberswalde, und PD Dr. Insa Kühling, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Acker- und Pflanzenbau, Universität Kiel, warfen zum Abschluss zentrale Fragen zur Zukunft des Ökolandbaus auf. Kann Ökolandbau ein Vorbild für mehr Gleichberechtigung sein? Wie gelingt zukünftig Klimaschutz im Ökolandbau? Wie kann Ökolandbau Demokratie im ländlichen Raum sowie in der Wissenschaft stärken und rechten Ideologien begegnen? Sie stellten Fürsorge, Optimismus, robuste Flexibilität, kritische Selbstreflexion und anhaltende Neugierde als Akzente für einen resilienten Ökolandbau von morgen heraus.“
Öko-Landbau im globalen Kontext
Prof. Dr. Matin Qaim, ergänzte als Wirtschaftswissenschaftler mit den Schwerpunkten Ernährungssysteme und Entwicklung die thematische Bandbreite. Der Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn bewertete in seiner Keynote „Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährungssysteme weltweit und die Rolle des Ökolandbaus“ die Bedeutung des Ökolandbaus im globalen Kontext aus einer ökonomischen Perspektive. Diese wurde anschließend im Publikum kritisch kommentiert.
Gemeinsam Antworten entwickeln
Die Vielfalt des Ökolandbaus und die Bandbreite der Forschung spiegelte das gesamte Programm der Wissenschaftstagung wider. In rund 150 Vorträgen, 70 Postern und 20 Workshops wurden neue Ansätze und kontroverse Fragen diskutiert. Die Beiträge reichten von innovativen Systemen wie Agroforst und Streifenanbau über die weiterhin drängende Stickstoffversorgung und grundlegende Aspekte des Tierwohls bis zu Optionen der Flächenausdehnung sowie sozialen und ökonomischen Perspektiven des Ökolandbaus. Es zeigte sich: Gemeinsame Werte und Prinzipien verbinden das Feld, zugleich braucht es unterschiedliche Strategien, um diese in die Praxis zu übertragen und gesellschaftlich zu vermitteln.
Ein zentrales Merkmal der WiTa ist der transdisziplinäre Ansatz. Die Tagung verbindet wissenschaftliche Expertise über Fächergrenzen hinweg mit Erfahrungswissen aus der landwirtschaftlichen Praxis und gesellschaftlichen Debatten.
Die WiTa 2026 in Bonn machte deutlich, dass Widersprüche im Ökolandbau nicht nur Herausforderungen sind, sondern auch Motor für Erkenntnis und Fortschritt. Dort, wo Zielkonflikte offen benannt und Perspektiven zusammengeführt werden, entstehen neue Forschungsfragen – und Wege, wissenschaftliche Ergebnisse wirksam in die Praxis zu bringen.
Die nächste Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau findet an der Uni Hohenheim, Baden-Württemberg, vom 29. Februar 2028 bis zum 3. März 2028 statt.
Über die Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau (WiTa)

Wortmeldung bei der Eröffnungsveranstaltung von Dr. Klaus Wiesinger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft
Die Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau gilt als bedeutendste Plattform für den Austausch von Forschungsergebnissen der ökologischen Landwirtschaft im deutschsprachigen Raum. Die Tagung wurde 1991 von der Stiftung Ökologie & Landbau initiiert. Seitdem findet sie im Abstand von zwei Jahren an wechselnden Standorten statt. So hat jede Tagung ihren eignen Charakter und trägt die unverkennbare Handschrift der durchführenden Hochschule oder Versuchsanstalt.
Wissenschaftler:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen auf den Kongressen ihre Forschungsaktivitäten und -ergebnisse im Rahmen von Posterbeiträgen oder Vorträgen vor. Workshops und zum jeweiligen Standort thematisch passende Exkursionen erweitern das Angebot des Wissenstransfers. Dadurch entsteht ein Dialogforum, das einen lebendigen und nachhaltigen Austausch von Forschungsergebnissen ermöglicht. Zugleich leistet die Tagung einen Beitrag zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Beratern und Praktikern.
Seit 2026 fungieren die Schweisfurth Stiftung und die Stiftung Ökologie und Landbau gemeinschaftlich als Schirmherrinnen der Wissenschaftstagung.
Hier geht’s zum Tagungsband.
Mehr Informationen: wissenschaftstagung.de
Fotos: Sarah Larissa Heuser
