BlühbotschafterInnen-Lehrgang

Blühbotschafter-Exkursion

Hintergrund

Es ist schlimmer als erwartet – zu diesem Ergebnis kommen die WissenschaftlerInnen der im November 2019 im Nature Magazin veröffentlichten Studie der TU München. Sie konnten zeigen, dass in Deutschland die Biomasse der Fluginsekten in den vergangenen 30 Jahren um 75 % zurückgegangen ist. Allein bei den Wildbienen sind bereits 50 % der Arten auf der roten Liste (5. Fassung vom Bundesamt für Naturschutz).

Doch wildlebende Insekten, wie zum Beispiel Bienen oder Schmetterlinge, haben eine zentrale Funktion in unserem Ökosystem und sind essentiell für uns Menschen: Denn etwa 80 % unserer Wild- und Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung von Insekten angewiesen. Genau diese Ökosystemdienstleistung ist aufgrund des aktuellen, dramatischen Insektenschwundes akut gefährdet. Nun gilt es diesen Trend umzukehren und den Artenschwund zu stoppen.

Ziel

Jeder Einzelne kann zum Schutz blütenbestäubender Insekten beitragen! Wie das konkret funktioniert, können Interessierte im BlühbotschafterInnen-Lehrgang der Schweisfurth Stiftung lernen. Zentrales Ziel des Lehrgangs ist es, die Teilnehmenden dazu zu befähigen, selbst Projekte zum Schutz der Insekten bzw. zum Arterhalt in ihrem persönlichen Umfeld wie bspw. in der Schule, der Kommune oder auf dem Firmengelände anzustoßen, umzusetzen und langfristig zu begleiten.

Zielgruppe

BlühbotschafterInnen sind Menschen, die sich für eine blühende Landschaft und damit für den Schutz blütenbesuchende Insekten einsetzen: GartenliebhaberInnen, HausmeisterInnen, LandwirtInnen, Kommunale MitarbeiterInnen, NaturschützerInnen, ImkerInnen, PädagogInnen und alle sonstigen Interessierte über 18 Jahre.

Inhalte

Einmal im Jahr organisiert die Schweisfurth Stiftung einen BlühbotschafterInnen-Lehrgang. Dabei besuchen die Teilnehmenden unterschiedliche Projekte und Orte. Zu jedem Treffen sind ExpertInnen eingeladen, die grundlegendes Fachwissen zur Ökologie und den Ansprüchen der Insekten an ihren Lebensraum vermitteln und praktisch erlebbar machen.Die Themen sind z.B. Saatgut- und Pflanzenauswahl, Anlegen kommunaler Blühflächen, Möglichkeiten der Landwirtschaft sowie die Vorstellung verschiedener Netzwerke. Der rote Faden dabei ist die Frage: Was können wir tun, um die Lebensbedingungen der Insekten zu verbessern?
Am Ende der Ausbildung setzen die Teilnehmenden ein Projekt in ihrem Lebensumfeld unter Begleitung um.

Hinweis: Aus gegebenen Anlass kann es zu terminlichen Änderungen des Beginns des BlühbotschafterInnen-Lehrgangs (09. Mai 2020) kommen, die sich an den Empfehlungen des Freistaates Bayern orientieren. In diesem Fall benachrichtigen wir alle registrierten TeilnehmerInnen persönlich per E-Mail. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an info@schweisfurth-stiftung.de.

Dr. Niels Kohlschütter (Vorstand) und Carmen Grimbs (Projektleitung) auf der Suche nach Wildbienen.

Kurz-gut

Projektname: BlühbotschafterInnen-Lehrgang
Startschuss: Mai 2020
Status: läuft
Wirkungskreis: Bayern
Zielgruppe: GartenliebhaberInnen, HausmeisterInnen, kommunale MitarbeiterInnen, ImkerInnen, PlanerInnen, PädagogInnen, LandwirtInnen
Maßnahmen: In einem fünftägigen Lehrgang vermitteln ExpertInnen grundlegende Kenntnisse im Bereich Artenschutz, mit dem Ziel, die Teilnehmenden zu MultiplikatorInnen auszubilden.
Leitung / Ansprechpartnerin: Carmen Grimbs, Schweisfurth Stiftung

Engagiert für eine zukunftsfähige Land- und Lebensmittelwirtschaft: Die Stiftung auf der Biofach

Die Biofach, Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, ist seit über 30 Jahren der Treffpunkt der internationalen Bio-Branche. Selbstverständlich also, dass die Schweisfurth Stiftung, als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Praxis, hier anwesend ist. Auch in diesem Jahr wirkte sie als Impulsgeber im Rahmen des Biofach Kongresses aktiv mit. Lesen Sie hier ausführlich über das Engagement der Schweisfurth Stiftung auf der Biofach 2020.

Kuhgebundene Kälberaufzucht: Pioniere zeigen, dass es geht!

Die Kälber wieder bei den Müttern lassen – dafür plädierten die ReferentInnen bei der Veranstaltung „Kuhgebundene Kälberaufzucht: Milch und Fleisch aus besonders tierfreundlicher Haltung“ auf der BIOFACH. Doch wie funktioniert eine kuhgebundene Kälberaufzucht? Und was passiert eigentlich mit den Bullenkälbern? Diese und weitere Fragen wurden von Saro G. Ratter, Projektmanager der Schweisfurth Stiftung, Rolf Holzapfel, Geschäftsführer der Demeter Heumilch Bauern Süd und Beate Reisacher, Projektmanagerin Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten diskutiert. Den ausführlichen Nachbericht finden Sie hier. 

Eine Frage der Haltung: Zweinutzungshuhn oder Früh-Erkennung im Ei?

Schluss mit dem Kükenschreddern! Da waren sich die Diskutanten auf der Biofach Veranstaltung des Tierzuchtfonds einig. Doch wie kommen wir aus dem Kükendilemma? Sind das Zweinutzungshuhn und/oder die Früherkennung im Ei eine praxistaugliche, tierethisch vertretbare Alternative? Diesen Fragen gingen Werner Hockenberg, Geflügelzüchter und Mitinitiator der Bruderhahninitative , Inga Günther, Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH , Annika Bromberg vom Tierzuchtfonds, Kristin Höller, Referentin bei der SELEGGT GmbH und Prof. Dr. Franz -Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung, auf den Grund. Die spannende Diskussion gibt es hier.

Junge ForscherInnen im Fokus: Herausragende Arbeiten ausgezeichnet

Innovativ, fundiert und wegweisend – so lassen sich die Bachelor- und Masterarbeiten beschreiben, die auf der Biofach mit dem Forschungspreis Bio-Lebensmittelwirtschaft  ausgezeichnet wurden. Der Preis wird seit 2014 jährlich von der Schweisfurth Stiftung gemeinsam mit der Lebensbaum Stiftung, der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller sowie der Biofach verliehen. Mit der Auszeichnung werden herausragende wissenschaftliche Abschlussarbeiten gewürdigt, die sich mit der Herstellung, Vermarktung oder Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln auseinandersetzen. Lesen Sie hier.

Eine Frage der Haltung: Zweinutzungshuhn oder Früh-Erkennung im Ei?

Werner Hockenberg (Bruderhahninitative), Kristin Höller (SELEGGT GmbH), Prof. Dr. Franz Theo Gottwald ( Schweisfurth Stiftung), Annika Bromberg (Tierzuchtfonds) und Inga Günther (Ökologische Tierzucht gGmbH) auf der Biofach (v.l.n.r)

Schluss mit dem Kükenschreddern! Da waren sich die Diskutanten auf der Biofach Veranstaltung des Tierzuchtfonds einig. Doch wie kommen wir aus dem Kükendilemma? Sind das Zweinutzungshuhn und/oder die Früherkennung im Ei eine praxistaugliche, tierethisch vertretbare Alternative? Diesen Fragen gingen Werner Hockenberg, Geflügelzüchter und Mitinitiator der Bruderhahninitative , Inga Günther, Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH , Annika Bromberg vom Tierzuchtfonds, Kristin Höller, Referentin bei der SELEGGT GmbH und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung, auf den Grund.

Ethik versus Wirtschaftlichkeit – ein unauflösbarer Konflikt?

Jedes Jahr werden allein in Deutschland circa 50 Millionen männliche Küken getötet, da sie keine Eier legen und als Masthähnchen ungeeignet sind. In der Logik der Agrarindustrie sind sie deshalb nutzlos. Aus tierethischer Sicht ist dies eine nicht vertretbare Haltung. Als vielversprechende Alternative gilt die In-Ovo-Selektion, also die Vorab-Geschlechtsbestimmung im Ei. Doch kann die Technik halten, was sie verspricht? Kristin Höller von der SELEGGT GmbH, die Forschung und Entwicklung zu In-Ovo-Verfahren betreibt, ist davon überzeugt und zeigte die Vorteile der Methode auf: „Mit Hilfe der endokrinologischen Geschlechtsbestimmung können wir das Kükentöten verhindern. Gleichzeitig ist es mit der heute gelebten Effizienz des Sektors vereinbar.“ Die anderen Diskutanten waren hier anderer Meinung und entgegneten, dass es sich bei der In-Ovo-Selektion lediglich um eine vorgezogene Tötung der männlichen Küken im Embryo-Stadium handelt. Außerdem sei die Frage, ab welchem Moment ein Hühnerembryo in der Lage ist, Schmerz zu empfinden, von der Wissenschaft noch nicht eindeutig beantwortet. Sie kamen deshalb zu dem Schluss, dass Verfahren zur Früh-Erkennung im Ei nicht mit tierethischen Grundsätzen vereinbar seien. Werner Hockenberger sprach sich deshalb für das Konzept des Bruderhahns aus: „Bei unserer Bruderhahninitative dürfen die Männchen weiterleben. Finanziert wird das Ganze durch die Hennen, denn ihre Eier werde mit einem minimalen Aufpreis von zwei bis vier Cent verkauft – so verdienen die Schwestern das Futter für ihre Brüder mit.“ Für Inga Günther, die sich intensiv mit ökologischer Tierzucht beschäftigt, ist das Zweinutzungshuhn die beste Lösung. So argumentierte sie: „Zweinutzungsrassen sind richtige Allrounder: Sie eignen sich sowohl zur Eier- als auch zur Fleischerzeugung. Dadurch wird das Töten männlicher Küken überflüssig, da sie ja für die Mast geeignet sind.“ Die Krux dabei: Legeleistung und Fleischanteil von Zweinutzungsrassen sind deutlich geringer als von den entsprechenden Hochleistungsrassen. Deshalb sind sowohl Eier als auch Hähnchen teurer als bei einseitig spezialisierten Züchtungen. „Hier braucht die Branche die Unterstützung der Verbraucher und Verbraucherinnen. Wenn diese bereit sind für mehr Tierwohl auch ein wenig mehr Geld auszugeben, kann das Zweinutzungshuhn Verbreitung finden. Doch Voraussetzung dafür ist eine umfassende Verbraucheraufklärung über die Problematik“, ergänzte Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald.

Eines machte die Diskussion deutlich: die größte Herausforderung ist es Tierwohl und Wirtschaftlichkeit miteinander zu vereinbaren.

Über den Tierzuchtfonds

Der Tierzuchtfonds ist eine gemeinsame Initiative der Schweisfurth Stiftung, des Deutschen Tierschutzbundes und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Ziel ist es, eine artgemäße Nutztierzucht zu fördern, die für die tiergerechte Haltung in ökologischen und bäuerlichen Betrieben geeignet ist. Mehr Informationen über die Arbeit des Tierschutzfonds gibt es hier.

 

Kuhgebundene Kälberaufzucht: Pioniere zeigen, dass es geht!

Die Kälber wieder bei den Müttern lassen – dafür plädierten die ReferentInnen bei der Veranstaltung „Kuhgebundene Kälberaufzucht: Milch und Fleisch aus besonders tierfreundlicher Haltung“ auf der BIOFACH. Doch wie funktioniert eine kuhgebundene Kälberaufzucht? Und was passiert eigentlich mit den Bullenkälbern? Diese und weitere Fragen wurden von Saro G. Ratter, Projektmanager der Schweisfurth Stiftung, Rolf Holzapfel, Geschäftsführer der Demeter Heumilch Bauern Süd und Beate Reisacher, Projektmanagerin Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten diskutiert.

Kuhgebundene Kälberaufzucht: Von Hollywood bis Nürnberg ein wichtiges Thema

Kälber wieder bei den Müttern lassen – dafür plädierten (v. l. n. r.) Rolf Holzapfel, Geschäftsführer der Demeter Heumilch Bauern Süd, Beate Reisacher, Projektmanagerin Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten und Saro G. Ratter, Projektmanager Tierwohl der Schweisfurth Stiftung, auf der Biofach.

„Wir fühlen uns berechtigt, eine Kuh künstlich zu befruchten und ihr Baby zu stehlen, obwohl ihre Angstschreie unüberhörbar sind. Dann nehmen wir ihre Milch, die für ihr Kalb gedacht ist und geben sie in unseren Kaffee und unser Müsli“, klagte Joaquin Phoenix bei seiner Oscar-Rede vergangene Woche die derzeitig gängige Milchviehhaltung an. Das Thema kuhgebundene Kälberaufzucht bekommt zunehmend Aufmerksamkeit. Immer mehr VerbraucherInnen fordern eine artgerechtere Aufzucht in der Milchviehbranche. In der Praxis sei dies aber kein leichtes Unterfangen, erklärte Saro G. Ratter: „Zum einen sprechen wirtschaftliche Faktoren dagegen. So lange die Preise für Produkte aus dieser Haltungsform die höheren Kosten nicht decken, stellt diese einen finanziellen Verlust für die Landwirte dar. Zum anderen fehlt es häufig an Wissen bei Praktikern, Fachberatern und Stallbauplanern wie eine kuhgebundene Kälberaufzucht praktisch umgesetzt werden kann.“ Den LandwirtInnen diese Unsicherheiten zu nehmen – genau das sei das Ziel des Projektes „kuhgebundene Kälberaufzucht“ der Schweisfurth Stiftung. Im Rahmen des Projektes soll der Erfahrungsaustausch, der Wissenstransfer sowie die Vernetzung zwischen MilchviehhalterInnen, WissenschaftlerInnen und MarktpartnerInnen gefördert werden.

Gleiches Recht für Bruder und Schwester

Praktische Erfahrung in Sachen kuhgebundene Kälberaufzucht haben sowohl Beate Reisacher als auch Rolf Holzapfel. Ein besonderes Anliegen, das machten sie auf der Biofach Veranstaltung deutlich, ist den beiden die artgerechte Aufzucht von Bullenkälbern. Diese und auch ein Teil ihrer Schwestern werden nicht für die Milchproduktion gebraucht und oft im Alter von nur zwei bis vier Wochen an Mastbetriebe abgegeben – Milchbauern machen dies häufig nur mit Unbehagen. „Landwirte haben auch die moralische Verantwortung für die Tiere, die den Hof verlassen müssen. Hier müssen tierwohlgerechte und gleichzeitig ökonomisch tragfähige Lösungen gefunden werden“, forderte Rolf Holzapfel. Die größte Herausforderung liege dabei in der Vermarktung: Denn das Fleisch aus einer kuhgebundenen Kälberaufzucht ist teurer und unterscheidet sich in Farbe und Geschmack von Fleisch aus herkömmlicher Aufzucht. „Das grundliegende Problem ist, dass Bio-Milch- und Bio-Fleischproduktion aus Effizienzgründen über die letzten Jahrzehnte hinweg voneinander entkoppelt wurden. Hier müssen wir umdenken“, erklärte Beate Reisacher. Die Vermarktung von Bio-Rindfleisch aus der Milchviehhaltung sollte der Nachfrage nach Bio-Milch entsprechen, damit keine Kälber in die konventionelle Mast gehen müssen. Denn „Bio-Milch und Bio-Fleisch gehören zusammen“ – wie das Motto der Allgäuer Hornochsen erklärt.

Die Diskussion machte deutlich: Die Umsetzung der kuhgebundenen Kälberaufzucht in die Praxis ist machbar, aber die Vermarktung von Milch und Fleisch stellt eine große Herausforderung dar. Doch Leuchtturmprojekte wie das von Rolf Holzapfel zeigen, dass es geht und machen Mut.

Erfahren Sie hier mehr über die Projekte Allgäuer Hornochse, wo bereits einige Mitglieder die kuhgebundene Kälberaufzucht praktizieren und Demeter Heumilch Bauern Süd, wo bereits alle Mitglieder auf diese besonders tierfreundliche Haltung umgestellt haben.

Gemeinsam ackern: Solidarische Landwirtschaft zum 2. Mal im politischen Berlin

Julia Hartkemeyer (links) von der Solidarischen Landwirtschaft Hof Pente und Dr. Niels Kohlschütter (rechts), Vorstand der Schweisfurth Stiftung, im Gespräch über die aktuellen Herausforderungen kleinbäuerlicher Landwirtschaftskonzepte

Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) – hier ackern VerbraucherInnen und LandwirtInnen gemeinsam. Die Vorteile dabei liegen auf der Hand: Transparenz über Herkunft und Art der Erzeugung der Lebensmittel, Unabhängigkeit von Marktpreisen sowie geteiltes Risiko bei schlechter Ernte, Planungssicherheit bei Produktion und Abnahme. Doch damit es nicht bei den heute rund 260 Leuchtturmprojekten bleibt, sondern das erfolgreich in der Praxis erprobte Konzept der Solidarischen Landwirtschaft auch im ländlichen Raum Verbreitung findet, braucht es Veränderungen bei den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen. Denn diese sind bisher zumeist auf die industrialisierte Landwirtschaft ausgerichtet und können eine kleinbäuerliche Landwirtschaft erschweren. Welche konkreten Schritte dafür notwendig sind, wurde auf dem zweiten Fachtag des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft  diskutiert. Mit dabei: Dr. Niels Kohlschütter, Vorstand der Schweisfurth Stiftung.

Agrarpolitik muss zukunftsfähige Konzepte fördern, nicht konterkarieren

Ziel des jährlich stattfindenden Fachtages des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft ist es, in den Dialog mit Politik und Forschung zu treten und das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft weiter bekannt zu machen. Der Fokus wurde dieses Jahr auf zwei Fragen gelegt: Was macht den „Mehrwert“ der Solidarischen Landwirtschaft für die Gesellschaft aus? Welche politischen und institutionellen Änderungen sind notwendig, um alternative Konzepte zur industriellen Landwirtschaft zu fördern? Im Zentrum der Diskussion stand die bekannte Problematik, dass die derzeitige Agrarpolitik vor allem agrarindustrielle Betriebe begünstigt und die Verbreitung von alternativen, kleinstrukturierten Landwirtschaftsmodellen hemmt. Dies gilt auch für den Bereich Vermarktung: Für viele kleine verarbeitende Betriebe stellen bspw. die hohen Anforderungen bzgl. der Nährwertangaben einen enormen Aufwand dar, den kleinere Betriebe nicht effizient leisten können und die zudem ohne bedeutenden Mehrwert für VerbraucherInnen sind. Und auch hinsichtlich rahmenrechtlicher Vorschriften gibt es Verbesserungspotenzial, wie Julia Hartkemeyer von der Solidarischen Landwirtschaft CSA Pente berichtet: „Wir sind gerade dabei einen neuen Stall zu bauen. In diesem sollen drei Tierarten unterkommen und zudem noch ein Begegnungsort für Menschen geschaffen werden – eine richtige Innovation also. Leider ist es sehr aufwendig die Genehmigung dafür zu bekommen, da solche Sonderfälle mit Unsicherheiten bei den Behörden verbunden sind. Für flexible Lösungen muss man sich selber sehr gut bei den geltenden Regelungen auskennen.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Fachkräfteausbildung: Auch hier werden kleinstrukturierte Betriebe vernachlässigt, denn die derzeitige Ausbildung ist auf die Praktiken der industriellen Landwirtschaft ausgelegt. Nun ist die Politik gefragt, rechtliche und bürokratische Regelungen anzupassen, um so alternative und zukunftsfähige Landwirtschaftsmodelle zu fördern.

 

Chancengleichheit für Groß und Klein

„Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft wird immer häufiger umgesetzt und gewinnt stetig an Bedeutung. Und die Praxis zeigt: SoLaWis können als Impulsgeber in der Region wirken und einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Doch damit die Bewegung weiterwachsen kann, muss die Politik für Chancengleichheit für kleine und große Betriebe sorgen und darüber hinaus auch die Innovationskraft der kleineren Betriebe fördern anstatt sie zu behindern“, resümiert Dr. Niels Kohlschütter.

Hier geht es zur Tagungsdokumentation des 2. Fachtages.

Digitale Landwirtschaft: Warum die Politik jetzt handeln muss!

Algorithmus statt Bauernregel – so lautet die Zukunftsdevise der Landwirtschaft. Durch digitale Lösungen ist ein effizienterer und schonenderer Einsatz von Ressourcen möglich. So kann Digitalisierung in der Landwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit führen – muss sie aber nicht. Denn bislang sind entscheidende Fragen noch offen. Deshalb fordern Umweltverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen in dem Positionspapier „Landwirtschaft 4.0“ von der Bundesregierung politische Leitplanken zu setzen, die eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche digitale Landwirtschaft sicherstellen. Die Schweisfurth Stiftung trägt die sieben Forderungen mit.

Landwirtschaft 4.0: Digitalisierung auf dem Acker gleich mehr Nachhaltigkeit?

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist bereits auf dem Acker angekommen: Schon heute setzen viele LandwirtInnen digitale Technik ein. Durch ihre Anwendung lassen sich Arbeitsprozesse optimieren und präzise Informationen über landwirtschaftliche Nutzflächen und Wetterdaten sammeln. Dadurch kann Ressourceneffizienz gesteigert und die Umwelt geschont werden. Jedoch wird die aktuelle Entwicklung von der (Agrar- und Digital-)Industrie dominiert und ist tendenziell eher von deren Interessen geleitet. Die Bedürfnisse der LandwirtInnen sowie der Nutzen der Technik für die ErzeugerInnen ist oft nicht Priorität. Es droht die Gefahr, dass das industrielle Agrarmodell fortgesetzt und die Digitalisierung der Landwirtschaft nicht den erhofften Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leistet, sondern im Gegenteil menschenrechtliche und ökologische Probleme verschärft.

Für eine Macht-fair-Teilung

Damit eine digitale Landwirtschaft dazu beiträgt, dass die globalen Ziele für Umwelt und Klima erreicht werden und LandwirtInnen weltweit davon profitieren, müssen folgende Forderungen im Zentrum der politischen Maßnahmen stehen: Gewährleistung einer flächendeckenden Internetversorgung, Zugang zu digitaler Technik auch für (Klein-)Bäuerinnen und Bauern (statt nur für Agrarkonzerne), Datensouveränität, Verschärfung des Wettbewerbsrecht zur Begrenzung der Macht von Agrar- und Digitalkonzernen, Fortbestand und Ausbau des Arbeitsrechts, Respektierung der planetaren Grenzen sowie die Förderung der Vielfalt im Sinne der Prinzipien der Agrarökologie.
Lesen Sie hier das Positionspapier „Landwirtschaft 4.0“ mit den sieben Forderungen in ganzer Länge.

 

Landwirtschaft quo vadis?

Es ist beschlossene Sache: das Klimapaket der Bundesregierung (Verabschiedung im Bundeskabinett am 09. Oktober 2019). Ob die darin vorgesehenen Maßnahmen ausreichen, um die notwendige Transformation herbeizuführen? Was den Sektor Landwirtschaft betrifft jedenfalls nicht – das machen die VertreterInnen der Kommission für Landwirtschaft des Umweltbundesamtes beim Pressegespräch, zu dem die Münchner Schweisfurth Stiftung am 09. Oktober 2019 geladen hatte, deutlich. Für die Kommission steht fest: Nur mit einer fundamentalen Neuausrichtung unseres Agrarsystems kann eine tatsächliche Agrarwende hin zu einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen Landwirtschaft realisiert werden.

Agrarwandel – eine Gemeinschaftsaufgabe

VertreterInnen der Kommission für Landwirtschaft und Gastgeber Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung diskutieren mit Journalisten und Meinungsmultiplikatoren, wie eine zukunftsfähige Landwirtschaft aussehen könnte.

Konkret analysierte die Kommission für Landwirtschaft fünf Brennpunkt-Bereiche: Nährstoffüberschüsse, Ernährungssystem, internationaler Agrarhandel, Entwicklung des ländlichen Raums und Digitalisierung – und stellte entsprechende Forderungen an die Politik auf, deren Umsetzungen essentiell für die Etablierung eines zukunftsfähigen Agrarsystems sind. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wir wissen, was für eine echte Agrarwende notwendig ist. Jetzt ist Zeit zu Handeln.“, kommentiert Prof. Dr. Alois Heißenhuber, Leiter der Kommission für Landwirtschaft. Die VertreterInnen der Kommission machten aber auch deutlich, dass neben Politik und den einzelnen Landwirtschaftsbetrieben auch Verbraucher und der Lebensmitteleinzelhandel Verantwortung übernehmen müssen. Denn zusätzlich zu einer effizienten und umweltschonenden Erzeugung ist vor allem der Lebensstil – also die Frage, wieviel und wie gegessen wird – maßgeblich. „Eine Agrarwende ist nur mit einer Ernährungswende möglich. Dabei spielen die Verbraucher eine wesentliche Rolle, denn der Kassenbon kommt einem Stimmzettel gleich: Bei jedem Einkauf können sie wählen zwischen einem „Weiter so“ oder der notwendigen Transformation.“, ist Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung, überzeugt. Die Landwirtschaft der Zukunft muss standortgerecht, klimaangepasst und nachhaltig sein – diese bis spätestens 2050 zu realisieren, ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft.
Wie ein zukunftsfähiges Agrarsystem aussehen könnte und welche Forderungen die Kommission der Landwirtschaft an die Politik stellt, lesen Sie hier.

 

Bildunterschrift Headerbild:

Die Kommission für Landwirtschaft des Umweltbundesamtes stellte ihr Positionspapier „Landwirtschaft quo vadis“ in der Münchner Schweisfurth Stiftung vor. V.l.n.r.: Prof. Dr. Alois Heißenhuber, Dr. Annette Freibauer, Heino von Mayer (hinten) und Prof. Dr. Hubert Wiggering zusammen mit Gastgeber Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung.

Ökologische Agrarkultur global verbreiten – Zusammenarbeit führt zum Ziel

Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung, eröffnete am 12. September 2019 die Konferenz „Solutions Scaling-up Agroecology“ an der Heliopolis University, Cairo

Armut und Hunger weltweit beseitigen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Böden fruchtbar bleiben, Gewässer geschont werden, biologische Vielfalt erhalten wird und Klimasenken durch Humusaufbau geschaffen werden. Das geht! Ökologische Agrarkultur kann, insbesondere im globalen Süden, einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Ernährungssicherung leisten. Dies macht Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstandsvorsitzender der Schweisfurth Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburger Stiftung World Future Council, in seiner Eröffnungsrede bei der Konferenz „Solutions for Scaling-up Agroecology“  an der Heliopolis Universität Cairo, Ägypten – organisiert vom World Future Council und der Stiftung des Right Livelihood Award – deutlich.

Weltweit von lokalen Leuchtturmbeispielen lernen

Als Musterbeispiele dafür verweist Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald auf die im vergangenen Jahr ausgezeichneten Alternativen zur industriellen Landwirtschaft im globalen Süden. Diese demonstrieren, wie eine sozial-ökologische Wende hin zu nachhaltigen Agrarsystemen im kleinen Maßstab auf lokaler Ebene möglich ist. „All die ausgezeichneten Leuchtturmbeispiele sind Lösungen für den Übergang zu enkeltauglichen Ernährungs- und Landwirtschaftssystemen, die für die Menschen vor Ort funktionieren. Sie haben einen direkten und greifbaren positiven Effekt für sie und die Natur“, erklärt Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald.

Die Verbreitung der ökologischen Agrarkultur – eine Gemeinschaftsaufgabe

Die Leuchtturmbeispiele zeigen den Weg auf, wie Hunger, soziale Ungleichheit, Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt erfolgreich angegangen werden können. Es gilt nun diese vielversprechenden Lösungsansätze weltweit zu verbreiten. Dazu muss das agrarökologische Know-how weitergegeben und die praktische Anwendung forciert werden. Damit dies gelingt, ist das Engagement von Verantwortlichen aus internationalen Organisationen, Politikern entsprechender Ministerien und Ressorts sowie Forschern und Wissenschaftlern gefragt. Sie müssen Hand in Hand zusammenarbeiten und Synergien effektiv nutzen, um die notwendige Agrarwende zu erreichen und gleichzeitig einen Beitrag zur Ernährungssicherung zu leisten.

Von unglücklichen Kühen und einer Männerquote für Küken

Männliche Küken werden geschreddert und Kühen die Hörner entfernt! – Wie kann das sein? Welche Alternativen gibt es? Heutzutage werden Tiere meist zu reinen Produktionsmitteln degradiert. Sie werden so gezüchtet, dass sie optimal an die Ansprüche des industriellen Agrarsystems angepasst sind. Doch es geht auch anders, wie die Podiumsdiskussion des Tierzuchtfonds, einer Initiative der Schweisfurth Stiftung, des Deutschen Tierschutzbundes und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, auf der Biofach 2019 zeigte.

Produktionsfaktor Tier

Die moderne Tierzucht findet gegenwärtig viel mehr im Reagenzglas statt als im Stall. Der Fokus liegt darauf, die Tiere auf Hochleistung zu züchten. Wesen und Würde der Tiere geraten dabei vollkommen aus dem Blick. Die Folgen: Die Tiere sind anfälliger für Krankheiten, was einen erhöhten Einsatz von Antibiotika mit sich bringt, weisen eine geringere Lebenserwartung auf und die biologische Vielfalt nimmt ab. Dies ist nicht mit den ethischen Grundsätzen des ökologischen Landbaus vereinbar. Bei einer artgemäßen Tierzüchtung sind Aspekte wie Gesundheit, Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit und Erhalt bedrohter Nutztierrassen wesentlich. Leider steht den LandwirtInnen derzeit nur eine kleine Basis an ökologisch gezüchteten Nutztierrassen zur Verfügung. Eine artgemäße Zucht im ökologischen Landbau ist deshalb Gebot der Stunde.

Es geht auch besser!

Wie eine Ausweitung der artgerechten Züchtung möglich ist, wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion des Tierzuchtfonds auf der Biofach 2019 diskutiert. VertreterInnen aus Handel, Zucht und Wissenschaft tauschten sich über Lösungsansätze und die notwendigen Schritte hin zu einer ökologischen Tierzucht aus. So forderten Inga Günther, Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH, Mainz und Franziska Hagen, Fachreferentin des Deutschen Tierschutzbundes, Bonn die ökologische Züchtung für Bio-Betriebe verpflichtend zu machen. Diese soll sich an den Zuchtzielen Rassenvielfalt, Langlebigkeit, Robustheit, Zweinutzungsrassen, Freilandtauglichkeit sowie Anpassungsfähigkeit der Tiere an regionale Gegebenheiten orientieren. Für eine eigene Bio-Züchtung bedarf es neben viel Engagement vor allem einen hohen finanziellen Aufwand. Daraus folgerte Georg Kaiser, Geschäftsführer der Bio Company – ein Biosupermarkt-Filialist mit Hauptsitz in Berlin, dass Produkte aus Öko-Zucht teurer sein sollten. Dies erfordert jedoch die Bereitschaft der VerbraucherInnen, einen höheren Preis für echtes Tierwohl zu zahlen. Voraussetzung dafür ist, dass KonsumentInnen über die Problematik informiert sind und deren Auswirkungen verstehen. Deshalb führt Kaiser regelmäßig Kampagnen in den Bio Company-Filialen durch: So werden beispielsweise im Rahmen der Bruderhahn Initiative Deutschland VerbaucherInnen auf die nutzlose Tötung männlicher Küken aufmerksam gemacht. Der Handlungsbedarf sei auch bei anderen Tierarten dringend, warnte Professor Onno Poppinga vom Kassler Institut für ländliche Entwicklung: Die Vielfalt der Rinder-Gene hat aufgrund der Konzentration auf einige wenige Zuchtbullen bereits drastisch abgenommen. Vereinzelt gibt es jedoch auch positive Entwicklungen, wie beispielsweise das Engagement vieler Demeter-Betriebe, eine eigenständige Zucht für hörnertragende Rinder aufzubauen. „Die Diskussion zeigt: Ökologische Tierzucht ist eine der drängendsten Herausforderung der Bio-Branche. Bewältigt werden kann sie nur von Züchtern, Herstellern, Händlern und Verbrauchern gemeinsam. Der Tierzuchtfonds ist dabei ein wichtiges Instrument, um artgemäße Zucht zu fördern und damit den ökologischen Landbau zu stärken.“, fasst Prof. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, das Fazit der Diskussion zusammen.

Die Preise an der Supermarktkasse lügen! Was kosten unsere Nahrungsmittel wirklich?

Sind unsere Lebensmittel zu billig? Wer zahlt den Verlust der Artenvielfalt, die Verschmutzung von Gewässern und die Folgen des Klimawandels? Und was kostet der Einsatz von Ackergiften wie zum Beispiel Glyphosat tatsächlich? Diese und ähnliche Fragen diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, der Bio-Branche sowie dem Lebensmitteleinzelhandel auf der Biofach 2019. Die Diskussion zeigte deutlich: Die derzeitigen Lebensmittelpreise spiegeln die wahren Kosten bei weitem nicht wider, eine einfache Lösung hierfür gibt es jedoch nicht.

Studie deckt die wahren Kosten unsere Nahrungsmittel auf

Hintergrund der Diskussion stellt die von Tollwood München und der Schweisfurth Stiftung in Auftrag gegebene Studie „How much is the dish? – Was kosten uns Lebensmittel wirklich?“ dar. Diese deckt auf, dass die Preise für unsere Lebensmittel aktuell deutlich zu niedrig sind, da sie externe Kosten aus Umweltbelastungen nicht enthalten. Würden die Umweltfolgekosten einberechnet werden, müssten beispielsweise die Erzeugerpreise für tierische Produkte aus konventioneller Landwirtschaft dreimal so teuer sein (196 Prozent Aufschlag auf die Erzeugerpreise). Für biologisch-tierische Produkte errechnet die Studie lediglich einen Mehrpreis von 82 Prozent. Den geringsten Preisaufschlag ermittelt die Studie für Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs, wobei es auch hier einen deutlichen Unterschied zwischen konventionellen und biologischen Produkten gibt: Werden die Umweltfolgekosten berücksichtigt, müssten die Erzeugerpreise konventionell-pflanzlicher Produkte 28 Prozent, biologisch-pflanzlicher Produkte hingegen nur sechs Prozent teurer sein.

Damit offenbart die Studie eine erhebliche Fehlbepreisung, die zu einer Marktverzerrung zu Ungunsten des Ökolandbaus führt, erklärt Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung: „Würden die Kosten der ökologischen Schäden der Lebensmittelproduktion eingepreist werden, würden sich die Preise für Bio-Lebensmittel kaum noch von denen für konventionell erzeugte unterscheiden.“

Verbraucher, Politik oder Erzeuger – wer steht in der Verantwortung?

Doch wer soll für die Preisdifferenz, die zwischen den derzeitigen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten liegt, aufkommen bzw. wie kann es gelingen, dass die Umweltfolgekosten zukünftig in den Preisen berücksichtigt werden? Eine Abwälzung der Preisaufschläge auf die Verbraucher lehnt Jan Bock, Geschäftsleiter Einkauf bei Lidl Deutschland, vor allem im Hinblick auf die hohe Preissensibilität der Konsumenten ab. Zudem gewährleistet eine Erhöhung der Preise für den Endverbraucher nicht, dass sich gleichzeitig die Erzeugerpreise entsprechend verbessern. Auch Dr. Anton Hofreiter Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag von Bündnis 90 / Die Grünen, sieht vorrangig nicht die Verbraucher in der Pflicht, sondern vielmehr die Politik. Seiner Meinung nach ist der größte Hebel eine an ökologischen Kriterien ausgerichtet Agrarpolitik. Daneben sollte der Verbraucher transparent und umfassend über die wahren Kosten informiert werden. Eine Möglichkeit dies in der Praxis umzusetzen sieht Kohlschütter im Wesentlichen in folgenden Maßnahmen: „Wir brauchen Transparenz über die wahren Kosten, die bei der Lebensmittelproduktion für die Allgemeinheit entstehen – zum Beispiel in Form eines zweiten Preisschildes, dass die Preise inklusive der Umweltfolgekosten zeigt. Außerdem müssen wir die Landwirte dabei unterstützen, alle Preise der Erzeugung zu erfassen, um so die Kostentransparenz zu erhöhen.“ Dr. Tobias Gaugler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Augsburg und Leiter der Studie, sieht darin vor allem die Möglichkeit die Verbraucher hinsichtlich der Problematik der wahren Kosten zu sensibilisieren. Diesen weist er nämlich durchaus Verantwortung zu: Denn um die Umlegung der wahren Kosten auf nächste Generationen zu vermeiden, muss die Bereitschaft bestehen höhere Preise zu zahlen. Zusätzlich ist es seiner Meinung nach notwendig viel früher in die Nahrungsmittelkette einzugreifen und mit geeigneten Maßnahmen, wie zum Beispiel einem restriktiveren Umgang mit Pestiziden, die Umweltfolgekosten zu minimieren.
Die Diskussion zeigte, wie komplex die Einpreisung der wahren Kosten ist und dass es keine einfache Lösung dafür gibt. Einig waren sich die Diskutanten jedoch in einem Punkt: Es besteht dringender Handlungsbedarf und die Berechnung der wahren Kosten ist immerhin ein erster notwendiger Schritt in die richtige Richtung.