Von unglücklichen Kühen und einer Männerquote für Küken - Schweisfurth Stiftung Fair zu Mensch und Tier
Tierwohl

Von unglücklichen Kühen und einer Männerquote für Küken

Männliche Küken werden geschreddert und Kühen die Hörner entfernt! – Wie kann das sein? Welche Alternativen gibt es? Heutzutage werden Tiere meist zu reinen Produktionsmitteln degradiert. Sie werden so gezüchtet, dass sie optimal an die Ansprüche des industriellen Agrarsystems angepasst sind. Doch es geht auch anders, wie die Podiumsdiskussion des Tierzuchtfonds, einer Initiative der Schweisfurth Stiftung, des Deutschen Tierschutzbundes und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, auf der Biofach 2019 zeigte.

Produktionsfaktor Tier

Die moderne Tierzucht findet gegenwärtig viel mehr im Reagenzglas statt als im Stall. Der Fokus liegt darauf, die Tiere auf Hochleistung zu züchten. Wesen und Würde der Tiere geraten dabei vollkommen aus dem Blick. Die Folgen: Die Tiere sind anfälliger für Krankheiten, was einen erhöhten Einsatz von Antibiotika mit sich bringt, weisen eine geringere Lebenserwartung auf und die biologische Vielfalt nimmt ab. Dies ist nicht mit den ethischen Grundsätzen des ökologischen Landbaus vereinbar. Bei einer artgemäßen Tierzüchtung sind Aspekte wie Gesundheit, Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit und Erhalt bedrohter Nutztierrassen wesentlich. Leider steht den LandwirtInnen derzeit nur eine kleine Basis an ökologisch gezüchteten Nutztierrassen zur Verfügung. Eine artgemäße Zucht im ökologischen Landbau ist deshalb Gebot der Stunde.

Es geht auch besser!

Wie eine Ausweitung der artgerechten Züchtung möglich ist, wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion des Tierzuchtfonds auf der Biofach 2019 diskutiert. VertreterInnen aus Handel, Zucht und Wissenschaft tauschten sich über Lösungsansätze und die notwendigen Schritte hin zu einer ökologischen Tierzucht aus. So forderten Inga Günther, Geschäftsführerin der Ökologischen Tierzucht gGmbH, Mainz und Franziska Hagen, Fachreferentin des Deutschen Tierschutzbundes, Bonn die ökologische Züchtung für Bio-Betriebe verpflichtend zu machen. Diese soll sich an den Zuchtzielen Rassenvielfalt, Langlebigkeit, Robustheit, Zweinutzungsrassen, Freilandtauglichkeit sowie Anpassungsfähigkeit der Tiere an regionale Gegebenheiten orientieren. Für eine eigene Bio-Züchtung bedarf es neben viel Engagement vor allem einen hohen finanziellen Aufwand. Daraus folgerte Georg Kaiser, Geschäftsführer der Bio Company – ein Biosupermarkt-Filialist mit Hauptsitz in Berlin, dass Produkte aus Öko-Zucht teurer sein sollten. Dies erfordert jedoch die Bereitschaft der VerbraucherInnen, einen höheren Preis für echtes Tierwohl zu zahlen. Voraussetzung dafür ist, dass KonsumentInnen über die Problematik informiert sind und deren Auswirkungen verstehen. Deshalb führt Kaiser regelmäßig Kampagnen in den Bio Company-Filialen durch: So werden beispielsweise im Rahmen der Bruderhahn Initiative Deutschland VerbaucherInnen auf die nutzlose Tötung männlicher Küken aufmerksam gemacht. Der Handlungsbedarf sei auch bei anderen Tierarten dringend, warnte Professor Onno Poppinga vom Kassler Institut für ländliche Entwicklung: Die Vielfalt der Rinder-Gene hat aufgrund der Konzentration auf einige wenige Zuchtbullen bereits drastisch abgenommen. Vereinzelt gibt es jedoch auch positive Entwicklungen, wie beispielsweise das Engagement vieler Demeter-Betriebe, eine eigenständige Zucht für hörnertragende Rinder aufzubauen. „Die Diskussion zeigt: Ökologische Tierzucht ist eine der drängendsten Herausforderung der Bio-Branche. Bewältigt werden kann sie nur von Züchtern, Herstellern, Händlern und Verbrauchern gemeinsam. Der Tierzuchtfonds ist dabei ein wichtiges Instrument, um artgemäße Zucht zu fördern und damit den ökologischen Landbau zu stärken.“, fasst Prof. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, das Fazit der Diskussion zusammen.

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