Ökologie & Ethik Archive - Schweisfurth Stiftung Fair zu Mensch und Tier

Nachhaltiger Auenschutz – vom Fisch bis zum Weiderind

Am Freitag, 26. Oktober 2018, wurde in der Düsseldorfer Grey Schule der mit 20.000 Euro dotierte Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften verliehen. Als Biokorridore, Hochwasser- und Dürreschutz und bei der Anreicherung und Reinigung des Grundwassers spielen Auen eine herausragende Rolle für Mensch und Umwelt.

Naturschutz jenseits von Disziplinen gedacht

Von der Renaturierung des Flusses Lippe und seiner Auen über Fischökologie und Ornithologie bis hin zu naturnaher Beweidung durch Rinder und Pferde reicht das beachtliche Arbeits- und Forschungsspektrum der diesjährigen Preisträgerin Dr. Margret Bunzel-Drüke. Mit ihrem multidisziplinären Ansatz überzeugte sie die dreiköpfige Jury, bestehend aus der Stifterin des Preises, Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister (Aueninstitut am Karlsruher Institut für Technologie). Die Naturschützerin engagiert sich seit über 30 Jahren im Verein Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) im Kreis Soest als Projektleiterin und Wissenschaftlerin. Ihre Forschungsinteressen haben sich im Lauf der Jahre entwickelt, sagt die Flussexpertin: „Man kommt vom Hölzchen auf’s Stöckchen, vom Eisvogel auf die Fische, von den Fischen auf die Fließgewässer, von dort auf natürliche Dynamik und dadurch auf den Einfluss der großen Weidetiere – alles hängt irgendwie zusammen.“

Bunzel-Drüke ist Buchautorin, arbeitet aktuell eine Analyse zum Fischbestand der Lippe unter Federführung des Landesfischereiverbands und ist in einem Renaturierungs-Projekt der Lippe aktiv. Ihre Motivation und Kreativität scheint unerschöpflich – wenn die Pragmatikerin doch mal auf einem Weg nicht vorankommt, dann findet sie rasch eine neue Lösung.

Anerkennung von höchster Stelle

Dr. Heinrich Bottermann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW, würdigte Dr. Margret Bunzel-Drüke in seiner Laudatio für ihr vielseitiges Engagement: „Das Denken in biologischen Kreisläufen zum Beispiel von den Quappen bis hin zu den Fischen“ zeichnet die Preisträgerin besonders aus. Ihr Einsatz für die neue Nutzung von Überschwemmungsgebiete durch Weiderinder und Pferde führt zur Freihaltung von Flächen und der Zunahme von Biodiversität.“

„Privatpersonen, die Impulse geben, kritische Fragen stellen und die Rolle des Natur-und Umweltschutzes im gesamtökologischen Kontext immer wieder neu denken und thematisieren sind wesentlich für die nachhaltige Entwicklung von Fluss- und Auenlandschaften“, davon ist Prof. Franz-Theo Gottwald überzeugt.

Der Wolfgang Staab-Naturschutzpreis würdigt Verdienste um Fluss- und Auenschutz

Seit 2015 vergibt die Schweisfurth Stiftung den mit 20.000 Euro dotierten Preis in Kooperation mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds an Personen, die sich besonders für den Fluss- und Auenschutz engagieren. Wolfgang Staab (1938-2004) machte sich als leidenschaftlicher Umweltschützer in Rheinland-Pfalz einen Namen. Als Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz des BUND wirkte er viele Jahre sehr erfolgreich; später war er als Schatzmeister im BUND-Bundesverband tätig. Seine Witwe Dr. Dorette Staab richtete 2014 den Wolfgang Staab-Naturschutzfonds innerhalb der Schweisfurth Stiftung ein.

Mit der Verleihung des Wolfgang Staab-Preises 2019 startet zugleich auch die Bewerbungsfrist für die Preisvergabe 2019. Nominierungen bzw. Bewerbungen können bis zum 1. Dezember 2018 eingereicht werden. Hier finden Sie weiterführende Informationen und das aktuelle Faltblatt zu den PreisträgerInnen.

Copyright der Fotos: Kristina Malis

Headerfoto (Copyright: Kristina Malis), v.l.n.r.: Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister (Aueninstitut am Karlsruher Institut für Technologie) mit der Preisträgerin Dr. Margret Bunzel-Drüke, der Stifterin Dr. Dorette Staab und Dr. Heinrich Bottermann (Staatssekretär Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW).

Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2019: Jetzt bewerben!

Bis zum 1. Dezember 2018 können sich engagierte Umweltschützer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für den mit 20.000 Euro dotierten Wolfgang Staab-Naturschutzpreis bewerben oder Vorschläge für potenzielle Preisträger einreichen.

Heiße und trockene Sommer als Gefahr für Gewässer

Flussbegleitende Auenlandschaften zählen zu den vielfältigsten und artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Darüber hinaus spielen sie bei der Rückhaltung von Hochwasser und der Abpufferung von Trockenheit, bei der Selbstreinigung der Flüsse, bei der Anreicherung und Reinigung des Grundwassers sowie als Biokorridore in der Landschaft eine herausragende Rolle; sie bilden mit den Flüssen eine untrennbare, ökologische Einheit. Heiße und trockene Sommer, wie sie vermehrt auftreten, setzen der Gewässerökologie stark zu. Die Wasserpegel sinken, der Sauerstoff reduziert sich, die Wassertemperatur steigt und es bilden sich vermehrt Algen. Die Folge: Flussbetten, wie beispielsweise das der Schwarzen Elster in Brandenburg, trocknen streckenweise aus und Fische sowie andere Wasserbewohner sterben.

Um auf diese und andere Probleme wie der Verbauung, Kanalisierung, dem Abbau von Kiesen und Sanden sowie den Bau immer neuer Wasserkraftwerke aufmerksam zu machen und den Schutz von Flüssen und Auen zu fördern, vergibt die Schweisfurth Stiftung mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds bereits zum vierten Mal den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften.

Leben für den Naturschutz

Der Preis ist benannt nach Wolfgang Staab (1938-2004). In Worms am Rhein geboren und aufgewachsen machte er sich an der Spitze des BUND-Landesverbandes Rheinland-Pfalz einen Namen als außergewöhnlich engagierter und erfolgreicher Anwalt der Natur. Er kam 2004 bei einem Autounfall ums Leben. Seine Witwe Dr. Dorette Staab ist Stifterin des Preises und ist neben Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, und Prof. Dr. Emil Dister, langjähriger Leiter des Aueninstituts in Rastatt, Mitglied der dreiköpfigen Jury.

Hier finden Sie weiterführende Informationen und das aktuelle Faltblatt zu den PreisträgerInnen von 2015-2018.

Sie sind Flussschützer? Oder kennen jemanden aus Wissenschaft oder Umweltschutzarbeit, der sich in herausragender Weise für den Schutz von Fluss- & Auenlandschaften engagiert? Dann kontaktieren Sie uns mit Ihrer Bewerbung oder Nominierung!

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Ernährungssouveränität und High-Tech Agrarwirtschaft – ein Widerspruch?

Vertical Farming – über den Trend, der den Anbau von Gemüse in die Stadt zurückholt, haben wir im Kritischen Agrarbericht 2018 bereits berichtet. Nun lud Ende Februar das Vertical Farming Institut zur Skyberries Konferenz nach Wien. Zwei Tage reichten sich dort renommierte Referenten wie Dickson Despommier (Mikrobiologe & Pionier des Vertical Farmings), Saskia Sassen (Soziologin & Wirtschaftswissenschaftlerin) und Isabel Monitor (Gründerin von Farmers Cut) das Mikrofon mit visionären, technischen und kritischen Beiträgen rund um Vertical Farming.

Wurzeln ohne Boden

Die Landwirtschaft kommt wieder verstärkt dorthin, wo immer mehr Menschen leben und versorgt werden wollen. Bekannter als Vertical Farms sind bereits urbane Gärten, solidarisch organisierte landwirtschaftliche Betriebe, Hochbeete in Kindergärten und Schulen sowie essbare Städte: Hier wird für und mit den Städtern sichtbar vermehrt gepflanzt und geackert. Doch der Erde, dem Boden, in dem Würmer kriechen und Pflanzen ihre Wurzeln schlagen, könnte bald der Rang abgelaufen werden. Denn neben den organischen Formen des Anbaus rücken anorganische Varianten in den Fokus. Forschung und Investitionen, ob zu Aquaponik, Hydroponik oder Aeoroponik, wird an vielen Instituten vorangetrieben.

High-Tech ist kostenintensiv

Kann Ernährungssouveränität, also die Möglichkeit, den Landwirtschafts- und Ernährungsstil selbst zu definieren und selbst zu wählen, was wo angebaut und verzehrt wird, bei diesen Formen der Lebensmittelproduktion erhalten werden? Um dieser Frage nachzugehen, ist es hilfreich zwischen Low- und High-Tech-Varianten des Vertical Farming zu unterscheiden. Während im Low-Tech-Bereich, z.B. in Hochbeeten, Erde genutzt wird, ist dies bei den High-Tech Varianten wie Aqua- und Hydroponik nicht der Fall. Technik und Equipment – von LED-Lampen über Nährlösung, Dünger, passendem Saatgut bis hin zu Pflanzvorrichtungen – sind in der Anschaffung und im Betrieb kostspielig und damit nicht allen zugänglich. Hinzu kommen die entsprechenden isolierbaren Räumlichkeiten bzw. Gebäude, Bunker oder Dächer. Die Souveränität ist also bei High-Tech-Varianten in Gefahr.

Lebensmittel aus Stadt und Land

Um die Lebensmittelpreise für alle tragbar zu halten, sind die Low-Tech-Varianten weiterhin relevant und unterstützenswert. Sie ermöglichen bezahlbare Lebensmittelpreise und den eigenen Anbau, in der Stadt und auf dem Land. Damit tragen sie zu einer Vielfalt im Lebensmittelangebot und zur Ernährungssouveränität im Sinne von Auswahl bei.

Bei Ackerfrüchten wie Kartoffeln, Getreide und Karotten kann Vertical Farming mit organischem Anbau nicht konkurrieren. Die Fruchtvielfalt ist in der vertikalen Landwirtschaft beschränkt und würde die Auswahl von Lebensmitteln derzeit stark reduzieren. Doch auch hier schreitet die Technologie voran: Mittlerweile lassen sich Salate und Kräuter, aber auch einige Gemüse und Obstsorten in der neuen Generation der Gewächshäuser ertragreich kultivieren.

Um Ernährungssouveränität zu gewährleisten, ist für uns Diversität gefragt – sowohl was Anbausysteme betrifft, als auch die angebauten Früchte. Dazu gehört nicht nur die Forschung nach bodenlosen Anbausystemen wie Hydrokulturen, sondern ebenso die Instandhaltung und Regeneration der Böden, die genutzt oder bereits zerstört wurden.

Jungforscherinnen vor den Vorhang – Analysen und Empfehlungen für die Bio-Lebensmittelwirtschaft

Vier herausragende Forschungsleistungen zur Bio-Lebensmittelwirtschaft wurden am 15. Februar 2018 auf der Biofach in Nürnberg geehrt. Den jungen Forscherinnen gelang es in ihren Abschlussarbeiten sehr diverse, spannende Zukunftsfragen aufzuwerfen. Allen gemein ist die Suche nach Alternativen zur industriellen Landwirtschaft. Die ganzheitliche Betrachtung der komplexen Herausforderung, die Einbeziehung von ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Faktoren sowie die interdisziplinäre Herangehensweise an die Problemstellungen, zeichnen die hohe Qualität der Forschungsarbeiten aus.

„Wir freuen uns sehr, dass wir als Stiftung, den Preis bereits zum 5. Mal unterstützen und begleiten dürfen. Die Einreichungen zeigen das große Interesse, die Begeisterung und das Engagement der jungen WissenschaftlerInnen und ihrer akademischen BegleiterInnen eine nachhaltige Zukunft zu gestalten“, so Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung und Mitglied der Jury des Forschungspreises.

Der in diesem Jahr mit 10.000 Euro dotierte Preis wurde dieses Jahr in den Kategorien Bachelor und Masterarbeit verliehen. Seit der ersten Verleihung vor fünf Jahren wurden 88 Arbeiten eingereicht.

Hier finden Sie einen kurzen Einblick in die vier ausgezeichneten Abschlussarbeiten:

Monetarisierung der Folgen von reaktivem Stickstoff im Agrarsektor
Amelie Michalke legt mit ihrer Bachelorarbeit die Folgekosten offen, die wir alle durch die Düngung von landwirtschaftlicher Nutzfläche tragen. Stickstoffüberschüsse generieren zeitversetzt Kosten, die nicht dem Verursacher des Stickstoffproblems zugeschrieben werden, sondern anderweitig getragen werden müssen. „Die externen Effekte von konventionell hergestellten Lebensmitteln sind um ein Vielfaches größer als die von Lebensmitteln ökologischen Ursprungs“, so Michalke. Bei vegetarischen Bio-Produkten müsste etwa ein Preisaufschlag von 1% eingepreist werden, um die negativen Effekte des Stickstoffeinsatzes zu berücksichtigen, bei tierischen konventionellen Lebensmitteln seien es ca. 10%. „Ziel sollte es sein, die Konsumenten mit wahren Preisen im Supermarkt zu nachhaltigem Konsum zu lenken“, resümierte die Studentin.

How the Superfood Trend Changed Farmers’ Income in the Andean Region of Bolivia
Mit dem Trend Superfoods hat sich Michaela Kuhn von der Technischen Universität München in ihrer Bachelorarbeit beschäftigt. Sie legt dar, dass die gesteigerte Nachfrage nach Quinoa in Hocheinkommensländern zwar zu einer Erhöhung der Einkommen bei den Kleinbauern in Bolivien führte, die Produktionsausdehnung teilweise aber auch auf Kosten der ökologischen Nachhaltigkeit und der Ernährungssicherung der Landwirte und ihrer Familien vor Ort gegangen ist.

Ökologischer Landbau in der Berufsschule
Dass der Ökolandbau in staatlichen Berufsschulen mehr gefördert werden müsste, damit befasste sich Julia Stark von der Universität Kassel in ihrer Masterarbeit. Wesentliches Fazit ihrer Arbeit ist, dass der Ökolandbau vor allem Bestandteil anderer Fächer ist und die vermittelten Inhalte für eine fachliche Vorbereitung auf eine Tätigkeit im Ökolandbau nicht ausreichen. Um dem entgegenzuwirken, zeigt Stark in Ihrer Arbeit die wichtigsten Maßnahmen und Handlungsempfehlungen auf, zum Beispiel die fachliche Fortbildung der Berufsschullehrer.

Möglichkeiten und Grenzen einer Markteinführung des ei care Fleisches*
Durch Literaturanalyse und Experteninterviews untersucht Magdalena Gutendorf von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde die Möglichkeiten und Grenzen der Markteinführung des sogenannten „ei care Fleisches“ in die gehobene Berliner Gastronomie. Mit Empfehlungen zur Marktfähigkeit, liefert sie einen Beitrag zur Weiterentwicklung der ökologischen Geflügelzucht und stärkt damit die Glaubwürdigkeit der ökologischen Tierhaltung. Insbesondere den Wunsch der Gastronomen nach direktem Austausch mit den Erzeugern und einzigartigem Geschmack müssen Bio-Betriebe laut der Analyse in Berlin berücksichtigen.

Der Forschungspreis schlägt eine Brücke zwischen jungen Nachwuchsfachkräften und engagierten Unternehmen der Bio-Branche. Dem Fazit von Petra Wolf von der Nürnbergmesse können wir uns nur anschließen: „Die Preisträgerinnen haben ein beeindruckendes wissenschaftliches Engagement an den Tag gelegt. Liebe Biobranche, holt Euch diese ausgezeichneten Fachkräfte.“

* ei care folgt einem regionalen und ganzheitlichen Ansatz in der Hühnerhaltung. Dazu zählt die Verwertung des ganzen Tieres ebenso wie die Zucht des Zweinutzungshuhns.

 

Zum Weiterlesen: www.forschungspreis-bio-lebensmittel.de

 

Was ist gerecht? Die Dialektik sozialer, ökologischer und ökonomischer Perspektiven

Treffpunkt für Philosophen und politische Denker: Das Symposium „Zur Dialektik von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit“ anlässlich des 80. Geburtstags von Prof. Peter Cornelius Mayer-Tasch [1] versammelte am 16. Und 17. März 2018 bekannte Persönlichkeiten aus der politische Ökologie in der Schweisfurth Stiftung. Der Jubilar ist Professor im Ruhestand für Politikwissenschaft und Rechtstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Gründer und Mit-Leiter der Forschungsstelle für Politische Ökologie, die seit dem Jahr 1984 besteht. Die Vorträge, Podiumsgespräche und Diskussionen des Symposiums zur ökologischen und sozialen Gerechtigkeit wurden im Kontext von Politik & Gesellschaft zu Versöhnung & Frieden und von China bis Afrika geführt. Sie boten theoretische Einblicke in die Thematik, regten Kontroversen an und verknüpften die Inhalte mit spirituellen Ansätzen.

Gratwanderung zwischen Emotion und Sachlichkeit

Ökologische Themen betreffen uns alle, und sind damit für uns Menschen emotional aufgeladen: Abgase in der Stadt, Wasserqualität in Badeseen sowie die Sicherheit von Lebens-Mittel. „Eine Balance zwischen Emotionen und Sachlichkeit zu finden“, so die Referentin Prof. Gabriele Kokott-Weidenfeld, „ist somit bereits die erste Herausforderung in der Diskussion um soziale und ökologische Gerechtigkeit.“ Während in der zwischenmenschlichen Beziehung Empathie ein Erfolgsfaktor ist, hat sie gesamtgesellschaftlich ihre Grenzen. Jenseits der Ebene des Mitgefühls sind Regulierungen notwendig.

Ökodiktatur oder Freiheit und Pluralität?

Sogleich stellt sich dann die Frage, wer reguliert? Ist es das Umweltministerium, oder handelt es sich um eine Querschnittsaufgabe, ähnlich wie bei der Digitalisierung? Auf lokaler, nationaler oder globaler Ebene? Und wer setzt die Vorschriften durch?

Kontroverse Diskussionen entfachten sich beim Symposium um die Umsetzung eines ökologisch vertretbaren Lebensstils. Denn dass sich etwas ändern muss, darüber waren sich wohl alle einig. Doch wie? Auf staatlicher Ebene testet China derzeit ein nationales Punkte- bzw. ein „Social Credit System“, in dem ein von der Regierung definiertes positives Verhalten belohnt, negatives hingegen bestraft wird. Könnte so ein System auch bei der Einhaltung ökologisch sinnvollen Verhaltens eine Option werden? Können solche autoritären bis totalitären Systeme dazu beitragen, dass wir Menschen die ökologischen Grenzen unseres Planeten mit Blick auf künftige Generationen achten? Wo blieben Freiheit und Pluralität, Demokratie und der Mensch als Vernunftwesen, der sein Lebensumfeld zusammen mit anderen gestaltet in einem solchen System?

„Die unerschöpfliche Kraft des Einfachen“ [2]

Auch wenn Umweltprobleme zum Teil exportiert werden, gemäß dem Motto „neben uns die Sintflut“, findet auch in Deutschland ein Wandel statt: Beispielsweise die Initiativen der Degrowth-Bewegung bzw. Postwachstumskonzepte, die auf einem starken Nachhaltigkeitskonzept basieren. Aktuell durchdenken beispielsweise Tim Jackson, Niko Paech, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa uvm. von Suffizienz geprägte Gesellschaftskonzepte, in denen materielles Wachstum eine wesentlich geringere bis gar keine Rolle mehr spielen soll. In den Modellen nutzen „Prosumenten“ (als Gegenentwurf des Konsumenten) Ressourcen nachhaltig, eignen sich Know-How zu Reparaturen, Recycling sowie Konservierung an und gestalten ihr Umfeld (wieder) aktiv mit. Wird das Einfache wiederentdeckt? Die eine Antwort auf die genannten Herausforderungen konnte das Symposium nicht bieten – stattdessen jedoch jede Menge Anregungen und Denkanstöße zur weiteren Reflexion.

 

[1] Mayer-Tasch ist als Referent, Publizist und Berater in der Ökologiebewegung tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Ökologie, Politische Rechtslehre und Politische Philosophie (mit Betonung der Kulturgeschichte und der Zivilisationsphilosophie).

[2] Gottwald, Franz-Theo; Malunat, Bernd M.; Mayer-Tasch, Peter Cornelius (2016): Die unerschöpfliche Kraft des Einfachen, Wiesbaden: Springer.

 

Headerfoto (v.l.n.r.): Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Prof. Dr. Peter Cornelius Mayer-Tasch, Karl Ludwig Schweisfurth

„Gemüse aus dem Hochhaus?“

Auszüge aus dem Beitrag der Schweisfurth Stiftung im Kritischen Agrarbericht 2018.

Ein neuer Trend aus den Ballungszentren Asiens macht auch an den europäischen Stadtgrenzen keinen Halt: Vertical Farming (VF). Hochtechnologisierte Unternehmen bieten damit eine weitere Art der (peri)urbanen Nahrungsmittelproduktion. Global werden zunehmend Flächen in Städten für den Anbau von Kräutern und Gemüse erschlossen – was mit Urban Gardening Bewegungen begann, wird nun professionalisiert und industrialisiert.

Was ist Vertical Farming?

Unter dem Begriff Vertical Farming werden verschiedenste, vertikal aufgebaute Kreislaufanlagen zur Erzeugung von pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln zusammengefasst. Gemüse und Kräuter werden in hydroponischen Systemen zumeist erdlos bzw. anorganisch auf Steinwolle, Kokosfaser o.ä. mit einer Nährstofflösung versorgt. Bei der Aquaponik teilen sich Pflanzen und Fische das zirkulierende Wasser und nutzen die jeweiligen Abfallprodukte des anderen als Nährstoffe. Angebaut wird in zum Teil mehrstöckigen Gebäuden oder unterirdisch beispielsweise, in ehemaligen Bunkern. Die Kombination aus einer dosierbaren Nährstoffversorgung und Licht-Bestrahlung durch LED-Lampen bietet ideale Bedingungen für ein schnelles Wachstum der Pflanzen und Fische.

Das neue Bio?

Die Vorteile des VF scheinen offensichtlich: Die Transportwege zwischen Produzent und Verbraucher sind kurz. Durch den Etagenbau wird wenig Fläche verbraucht, durch die geschlossenen Anlagen wird Wasser eingespart. Düngemittel sind kaum notwendig. Doch was sagt der kritische Blick aus ethischer Perspektive? Inwieweit kann eine solche anorganische Lebensmittelproduktion zu einer nachhaltigen und umweltethisch vertretbaren Lebensmittelversorgung beitragen?

Ein Zwischenfazit

Anhand der Sustainable Development Goals (SDGs)  haben Nora Klopp und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald in ihrem Artikel hydroponische und aquaponische Kreislaufanlagen unter die Lupe genommen. Wie naturnah muss oder naturfern darf der Anbau von Lebensmitteln sein, um noch als nachhaltig zu gelten? Einige Folgerungen und Forderungen der Schweisfurth Stiftung in Hinblick auf den VF Trend sind hier angeführt. Für ein abschließendes Urteil ist jedoch weitere Forschung notwendig.

  • „Die Regeneration und Pflege von Böden ist zwingend notwendig. Dies kann auch im Rahmen von ökologischem Landbau geschehen. Der Betrieb von [Kreislaufanlagen] kann nicht als Alternative bei weiter voranschreitender Bodenerosion gelten. Es gilt eine Konfliktverlagerung von Konkurrenz um fruchtbare Böden hin zu Nährsubstraten zu unterbinden.
  • Die Gesundheitsfolgen von Pflanzen aus anorganischem Anbau sind weitgehend ungeklärt. Vor einer Zulassung müssten langfristige Folgen für Mensch, Tier und Pflanzen erforscht werden.
  • Mit zunehmender Inbetriebnahme von VF-Systemen steigt das Risiko der Abnahme von Biodiversität von Saat- und Zuchtgut. Ein Erhalt der Biodiversität trotz voranschreitender Spezialisierung im Lebensmittelsektor muss garantiert werden.“
  • Vertical Farming darf nicht zu einem Reboundeffekt führen und die Flächenversiegelung verstärken. Wenn durch Vertical Farming ursprünglich landwirtschaftlich genutzte Fläche frei wird, muss die weitere Nutzung dieser Landflächen im Sinne einer nachhaltig ökologischen Entwicklung klar geregelt sein.
  • „Um Hydrokultur und Aquaponik als nachhaltig einstufen zu können, ist eine ganzheitliche Prüfung unter Berücksichtigung aller Faktoren (inklusive der externen Kosten) notwendig. Dazu gehören u. a. Energie, Wasser, Nährstoffe, Regeneration, Flächennutzung.“

 

Lesen Sie hier den ganze Artikel „Gemüse aus dem Hochhaus?“ von Nora Klopp und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald im Kritischen Agrarbericht 2018 nach. Der Kritische Agrarbericht 2018 wurde am 18. Januar 2018 mit dem Schwerpunkt „Globalisierung gestalten“ und Stellungnahmen zur aktuellen Agrarpolitik auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorgestellt. Seit 1993 wird er jährlich vom AgrarBündnis e.V. herausgegeben und dokumentiert die thematische Bandbreite der agrarpolitischen Debatte vor dem Hintergrund der europäischen und weltweiten Entwicklung. Hier finden Sie die aktuelle Pressemitteilung.

Globale Herausforderungen – lokale Lösungen

Die Urban Food Governance Tagung

Die Lebensmittelversorgung kehrt in die Stadt zurück – in Form von Stadtgärten, SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft), Vertical Farming, essbaren Städten, Food Trucks – so die These der DNEE Tagung. Anlass dafür ist unter anderem die gestiegene Neugierde der (Groß)StädterInnen auf die Ursprünge der Ernährung. Hinzu kommt: Essen ist längst kein Privatvergnügen mehr, vielmehr beschäftigen sich Politik, Wissenschaft, Stadtplaner, Bürger und neuerdings auch Ernährungsräte mit Urban Food Governance.

Multidisziplinäre Perspektiven

Im Rahmen der vom Netzwerk Ernährungskultur (EssKult.net), dem Deutschen Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) und der Schweisfurth Stiftung organisierten Tagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“ diskutierten über 40 WissenschaftlerInnen aller Altersgruppen die aktuellen Entwicklungen. In fünf Blöcken der zweitägigen Veranstaltung an der Hochschule Fulda wurden aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven die Rolle von Ernährungsräten, Migration und Ernährung sowie städtische Initiativen und Akteuren im urbanen Raum thematisiert.

Raum für Experimente: das Food Lab Stadt

Selbstermächtigung und Eigeninitiative treiben die Pioniere der verschiedenen Projekte und Start-Ups an. Aktuell entsteht eine vielfältige Landschaft lokaler und urbaner Initiativen und Alternativen. Die Ziele reichen von Armutsbekämpfung über Klimaschutz und Gesundheit bis zu nachhaltiger Raumplanung und Bildung. Es gilt, die Fremdbestimmung sowie Entfremdung von der Lebensmittelproduktion zugunsten der Ernährungssouveränität zu überwinden. Philip Stierand (Speiseräume) spricht von einer Ernährungsbewegung, die nicht mehr die Sicherung der Kalorien zum Ziel hat, sondern vielmehr das Food Lab Stadt als Handlungs- und Experimentierraum für Alternativen zur Hightech-Produktion erobert.

Die Gratwanderung zwischen Nische und Mainstream

Doch die Stadt hat ihre Grenzen. Auf engem Raum konkurrieren soziale, ökologische und ökonomische Akteure um Flächen, Einfluss und Finanzierung. Ella von der Haide (Universität Kassel) wagte einen kritischen Blick auf die Bewegung und ihre Trittbrettfahrer: Kommerzialisierung, Green Washing und Gentrifizierung unterminieren die ursprünglichen Intentionen der Initiativen mit sozialen und ökologischen Wurzeln. Andererseits wird die Bewegung so von der Nische in den Mainstream transportiert. Alexander Schwinghammer (Bauhaus Universität Weimar)  beleuchtet in diesem Kontext die Ecopreneurs, die Sky-, Rooftop- sowie Hightech Vertical Farming und damit die wirtschaftlichen Produktionsprozesse in die Städte zurückholen.

Weggabelung oder Koexistenz?

Die Sustainble Development Goals (SDGs) lassen Wege zur Nahrungsmittelproduktion offen. Es existieren jedoch mindestens zwei Pfade, so Franz-Theo Gottwald: Einer, der im Sinne der Bioökonomie ausschließlich auf Hightech und Biomasse setzt, sowie einen weiteren, der die Koexistenz lokaler, naturnaher und vielfältiger, oft auch handwerklicher Strukturen zulässt. Welcher Pfad in die Zukunft weist, darüber wird gestritten. Jana Rückert-John, Vorsitzende des Netzwerks Ernährungskultur, betonte das gesellschaftliche Spannungsfeld im Alltag: während einige Akteure einen Wandel anstreben, gilt es auch diejenigen mitzunehmen, die Veränderungen mit Vorbehalten und Angst gegenüberstehen.

Die hohe Anzahl der Besucher und die vielen hochkarätigen Beiträge zeigen, das Thema Urbane Food Governance ist brandaktuell. Lars Winterberg (Universität Regensburg, Universität des Saarlandes) fasste die Konferenz treffend zusammen: Es besteht weiterhin großer Forschungsbedarf rund um die städtische Lebensmittelversorgung – und es braucht Offenheit für vielschichtige Konzepte der Landwirtschaft im urbanen Raum.

Tipps zum Weiterlesen:
Westra, Laura; Gray, Janice; Gottwald, Franz-Theo (2017): The Role of Integrity in the Governance of the Commons. Governance, Ecology, Law, Ethics. Springer, Schweiz 2017.

Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2018: Jetzt bewerben!

Bis zum 1. Dezember 2017 können sich engagierte Umweltschützer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für den mit 20.000 Euro dotierten Wolfgang Staab-Naturschutzpreis bewerben oder Vorschläge für potenzielle Preisträger einreichen.

Flüsse: Lebensadern in Gefahr

Flussbegleitende Auenlandschaften zählen zu den vielfältigsten und artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Darüber hinaus spielen sie bei der Rückhaltung von Hochwasser, bei der Selbstreinigung der Flüsse, bei der Anreicherung und Reinigung des Grundwassers sowie als Biokorridore in der Landschaft eine herausragende Rolle; sie bilden mit den Flüssen eine untrennbare, ökologische Einheit. Doch aufgrund massiver Verbauung, Kanalisierung, Abbau von Kiesen und Sanden sowie durch den Bau immer neuer Wasserkraftwerke finden sich kaum noch naturnahe und weitgehend intakte Fluss- und Auenlandschaften. Um auf diese Probleme aufmerksam zu machen und den Schutz von Flüssen und Auen zu fördern, vergibt die Schweisfurth Stiftung mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds bereits zum dritten Mal den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften.

Leben für den Naturschutz

Der Preis ist benannt nach Wolfgang Staab (1938-2004). In Worms am Rhein geboren und aufgewachsen machte er sich an der Spitze des BUND-Landesverbandes Rheinland-Pfalz einen Namen als außergewöhnlich engagierter und erfolgreicher Anwalt der Natur. Er kam 2004 bei einem Autounfall ums Leben. Seine Witwe Dr. Dorette Staab ist Stifterin des Preises und ist neben Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, und Prof. Dr. Emil Dister, langjähriger Leiter des Aueninstituts in Rastatt, Mitglied der dreiköpfigen Jury.

Sind Sie Flussschützer? Oder kennen jemanden aus Wissenschaft oder Umweltschutzarbeit, der sich in herausragender Weise für den Schutz von Fluss- & Auenlandschaften engagiert? Dann kontaktieren Sie uns!

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Mit Forschung und Musik im Einsatz für den Auenschutz

Am Freitag, 13. Oktober 2017, wurde in Rastatt bei Karlsruhe der mit 20.000 Euro dotierte Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften verliehen. Preisträger sind in diesem Jahr die zwei Umweltaktivisten und Naturschützer Nikolaus Geiler und Wolfgang E. A. Stoiber.

Naturschutz als Generationenprojekt

Nikolaus Geiler überzeugte die dreiköpfige Jury, bestehend aus der Stifterin des Preises, Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister (Aueninstitut am Karlsruher Institut für Technologie) mit seinem Engagement in Theorie und Praxis. Der Gewässer-Biologe ist Gründer der Aktion „Rettet den Rhein“ und ist damit maßgeblich daran beteiligt, dass heute wieder Lachse im Rhein schwimmen. Zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) erstellte er zahlreiche Studien zum naturnahen Hochwasserrückhalt sowie zur Auenrevitalisierung. Außerdem ist er Herausgeber des BBU-WASSER-RUNDBRIEFES und Sprecher des Arbeitskreises Wasser des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU). Jenseits des Schreibtisches setzt sich der Preisträger unter anderem aktiv für die Pflanzen- und Tierwelt an der Dreisam in Freiburg ein. Dabei ist es ihm ein Anliegen, die junge Generation im Rahmen von Projekten mit Schulklassen an den Gewässerschutz heranzuführen. Bei der regionalen Arbeit verliert Geiler jedoch die globale Dimension nicht aus dem Blick. „Wir müssen uns auch in der Gewässerschutzpolitik viel mehr Gedanken darüber machen, welche Verantwortung wir gegenüber Entwicklungs- und Schwellenländer haben, wenn es um eine sozial und ökologisch akzeptable Produktion geht“.

Dr. Brigitte Dahlbender, Vorstandsvorsitzende des Landesverbands Baden-Württemberg des BUND würdigte Nikolaus Geiler in ihrer Laudatio für sein zielorientiertes Engagement: „Er legt den Finger in die Wunde, bringt die Gegenseite, aber auch seine Verbündeten zum Nachdenken und zeigt Wege auf, die richtige Lösung umzusetzen.“

Kulturprojekte für die Renaturierung der Weißen Elster

Den zweiten Preisträger Wolfgang E. A. Stoiber beschrieb Dr. Nils Franke, Sprecher der Regionalgruppe Sachsen des Bundesverbands Beruflicher Naturschutz e. V., in seiner Laudatio als „energiegeladen, ideenreich, teilweise völlig unorthodox, strategisch höchst geschickt und ehrenamtlich arbeitend bis zum Anschlag“. Der ehemalige Metzgermeister hat sich dem Naturschutz des Leipziger Auwalds und der weißen Elster verschrieben. Er ist Mitgründer und Vorsitzender des Vereins Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald (NuKLA e.V.), der sich als Schnittstelle zwischen „Natur, Kultur, Ökologie und Ökonomie“ sieht. Das Hauptziel ist die Renaturierung der Weißen Elster zwischen Zeitz und Halle/Merseburg. Mit dem AULA-PROJEKT2030 soll eine beispielhafte Verbindung von integriertem Hochwasserschutz, Naturschutz und sanftem Tourismus geschaffen werden. Neben 37 Konzerten, die der Verein bereits organisiert hat, finden regelmäßig Aktivitäten im NuKLA Bildungswerk statt. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule werden Umweltbildungskurse und Auwald-Exkursionen angeboten. Um den fachlichen Austausch zu unterstützen, fanden im Frühjahr 2017 erstmals das Auenökologiesymposium sowie die AULA-Citytagung statt.

„Privatpersonen, die Impulse geben, kritische Fragen stellen und die Rolle des Natur-und Umweltschutzes in der Konkurrenz um Ressourcen und Flächen immer wieder thematisieren sind wesentlich für die nachhaltige Entwicklung von Fluss- und Auenlandschaften“, ist  Prof. Franz-Theo Gottwald überzeugt. Große Freude hatten Jury und Gastgeber Prof. Dr. Florian Wittmann, seit 2016 Leiter des Rastätter Aueninstituts, deshalb mit dem steigenden Interesse der jüngeren Generationen am Naturschutzpreis.

Der Wolfgang Staab-Naturschutzpreis würdigt Verdienste um Fluss- und Auenschutz

Seit 2015 vergibt die Schweisfurth Stiftung den mit 20.000 Euro dotierten Preis in Kooperation mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds an Personen, die sich besonders für den Fluss- und Auenschutz engagieren. Wolfgang Staab (1938-2004) machte sich als leidenschaftlicher Umweltschützer in Rheinland-Pfalz einen Namen. Als Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz des BUND wirkte er viele Jahre sehr erfolgreich; später war er als Schatzmeister im BUND-Bundesverband tätig. Seine Witwe Dr. Dorette Staab richtete 2014 den Wolfgang Staab-Naturschutzfonds innerhalb der Schweisfurth Stiftung ein.

Mit der Verleihung des Wolfgang Staab-Preises 2017 beginnt zugleich die Bewerbungsfrist für die Preisvergabe 2018. Die Frist läuft bis zum 1. Dezember 2017. Weiterführende Informationen finden Sie hier.

Header-Foto (v.l.n.r.): Wolfgang E. A. Stoiber, Dr. Nils Franke, Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Nikolaus Geiler, Dr. Brigitte Dahlbender, Prof. Dr. Emil Dister

Einladung: Urban Food Governance im Wandel

Das von der Schweisfurth Stiftung mit Partnern ins Leben gerufene Deutsche Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) lädt gemeinsam mit dem Netzwerk Ernährungskultur (Esskult.net) zur Herbsttagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“ vom 10.-11. November 2017 an die Hochschule Fulda ein.

Vorträge und Diskussion

Mit Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, wie Soziologie, Ethnografie, Geografie, Politik-, Kultur-, oder Geschichtswissenschaften, werden die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert und die neuen Ansprüche der Konsument*innen in den westlichen Industrieländern diskutiert. Auf welche Probleme, gesellschaftlichen Herausforderungen und Bedarfe reagieren die Projekte und Initiativen einer urbanen Food Governance? Welche Rolle spielen hierbei Konzepte wie soziale Innovation, Postkapitalismus/Postwachstum oder gesellschaftliche Transformation? Inwieweit spielt hierbei die Integration Geflüchteter eine Rolle?

Das vollständige Programm finden Sie hier.

Das Projekt DNEE

Um den vielfältigen ernährungsethischen Fragen nachzugehen, hat die Schweisfurth Stiftung 2010 das Deutsche Netzwerk für Ernährungsethik (DNEE) gegründet. DNEE ist eine Plattform zur Vernetzung von Akteuren, die sich mit der ethischen Dimension von Landwirtschaft und Ernährung beschäftigen. Aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung der Ernährungsethik beschäftigt sich das Deutsche Netzwerk für Ernährungsethik fachübergreifend mit den Problemstellungen. Das Netzwerk fördert den Austausch, regt gesellschaftliche Diskussionen und politische Diskurse an und stellt Informationen rund um die Ethik der Ernährung bereit. Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen für die Komplexität und Verbundenheit der Zukunftsherausforderungen. Jede Mahlzeit in der globalisierten Welt ist mit Folgen für andere Menschen, Tiere sowie die Umwelt verbunden und übertritt damit die Grenze des Privaten.

Anmeldung

Sie können sich bis zum 15. Oktober 2017 per E-Mail (rueckert-john@esskult.net) anmelden.
Die Tagungsgebühr beträgt regulär 50 EUR, für Mitglieder von Esskult.net und DNEE 30 EUR, für Studierende 20 EUR. Der Unkostenbeitrag umfasst die Pausenverpflegung und das Mittagessen am 11. November 2017.

Call for Papers zur Tagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“

Das Netzwerk Ernährungskultur (Esskult.net) & die Schweisfurth Stiftung/Deutsches Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) laden Wissenschaftler/innen und Interessierte zur Tagung nach Fulda ein. Vom 9.-11. November 2017 stehen an der Hochschule Fulda urbane Ernährungssysteme und ihre Rolle in der kommunalen Nachhaltigkeits-Governance im Fokus. Ziel der Tagung ist es, neue Ansätze und Konzepte einer urbanen Food Governance zu beleuchten sowie ihre Potenziale und Grenzen auszuloten und zu diskutieren.

Wer kann am Call for Papers teilnehmen?

Eingeladen sind Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Fachdisziplinen, wie Soziologie, Politikwissenschaften, Kulturwissenschaften, Ethnografie, Geschichtswissenschaften oder Geografie. Wir möchten vor allem Nachwuchswissenschaftler/innen auffordern, sich mit wissenschaftlich-theoretischen oder praxisorientierten-empirischen Beiträgen zu bewerben.

Bis 15. Juni 2017 können Abstracts mit max. 2.500 Zeichen zu den folgenden Fragestellungen rund um das Thema urbane Food Governance eingereicht werden:

  • Auf welche Probleme, gesellschaftliche Herausforderungen und Bedarfe reagieren die Projekte und Initiativen einer urbanen Food Governance?
  • In welchem Verhältnis definieren sie sich zur etablierten kommunalen Politik und anderen Stakeholdern (z. B. Ernährungswirtschaft)?
  • Welche Ziele verfolgen sie und welche Lösungsansätze stellen sie vor?
  • Welche Rolle spielen hierbei Konzepte, wie soziale Innovationen, Postkapitalismus / Postwachstum oder gesellschaftliche Transformation?
  • Mit welchen Herausforderungen sind die Projekte und Initiativen konfrontiert?
  • Welche Akzeptanz und welchen Zuspruch finden sie in der Bevölkerung?
  • Mit welchen alternativen Wertvorstellungen sind sie verbunden?
  • Inwieweit spielt hierbei die Integration Geflüchteter eine Rolle?

Genauere Informationen finden Sie im offiziellen Call for Papers.

Urban Food Governance

Veränderte Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert (wie globalisierter Handel von Lebens- und Futtermitteln, Urbanisierung oder Auswirkungen des Klimawandels) und neue Ansprüche der Konsument/innen in den westlichen Industrieländern (wie Nachhaltigkeit und Fairness) führen dazu, dass sich die städtische Lebensmittelversorgung grundlegend wandelt und die Ernährungspolitik in die Stadt „zurückkehrt“. Internationale Initiativen wie beispielsweise der Milan Urban Food Policy Pact appellieren an Kommunen und andere Stakeholder, die integrative Funktion des Themas Ernährung als Treiber für Stadtentwicklungsziele – wie Armutsbekämpfung, Klimaschutz, Gesundheit, Raumplanung und Bildung – zu nutzen, Projekte im Bereich der lokalen Lebensmittelproduktion zu fördern und urban-regionale Ernährungsstrategien zu entwickeln.

Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance
Termin: 9.-11. November 2017
Ort: Hochschule Fulda
Call for Papers: einzureichen bis spätestens 15. Juni 2017

Geld anders anlegen – mitbestimmen und nachhaltige Projekte unterstützen

Bankenkrise, Immobilienblase, Spekulationsgeschäfte mit Grundnahrungsmitteln – es gibt zahlreiche Gründe, warum konventionelle Geldinstitute in die Kritik geraten. Immer mehr Kunden verlieren das Vertrauen in die Handhabung ihrer Hausbank und suchen nach einer Alternative, die den eigenen ökologischen, sozialen und ethischen Ansprüchen gerecht wird. Damit kann niedrigschwellig gestaltend in das globale Wirtschaftssystem eingegriffen werden. Indem sie in nachhaltige Projekte investieren, können Anleger die Dynamik des Kapitalmarktes aktiv nutzen, um die Welt in ihrem Sinne zukunftsfähiger mit zu gestalten.

Die Nachfrage nach ethischen Bankgeschäften hat zur Gründung von grünen Banken wie der GLS Bank, der Ethikbank, der Triodos Bank oder der Umweltbank geführt und auch dazu, dass immer mehr etablierte Banken Ethikfonds, nachhaltige Sparangebote oder Green-Bonds (Anleihen mit denen Investoren die Finanzierung von nachhaltigen Projekten unterstützen) anbieten.

Die grünen Vorreiter

Die oben genannten ethischen Banken haben sich dem Themenkomplex des nachhaltigen Wirtschaftens verschrieben. Sie unterstützen mit dem Geld der Anleger die Energiewende, ökologische Landwirtschaft, Bildungs- und Sozialprojekte und legen ihre Geschäfte transparent offen. Die GLS Bank führt beispielsweise eine eigene Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die die Erhaltung und Weiterentwicklung biologischer Landwirtschaft und neue Qualitätsansätze fördert. Der Tierzuchtfonds ist eine gemeinsame Initiative des Deutschen Tierschutzbundes, der Schweisfurth Stiftung und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und fördert in diesem Rahmen eine artgemäße Tierzucht.

Zudem schließen ethische Banken häufig Investitionen in Unternehmen aus, die in den Bereichen Rüstung, Atomkraft, fossile Energieträger sowie Gentechnik tätig sind oder Tierversuche, Kinderarbeit und sonstige Menschenrechtsverletzungen dulden.

Erste Bemühungen der Großbanken

Insbesondere im Bereich ethisch-ökologischer Investments sehen Institute zunehmend großes Wachstumspotenzial. 2016 lag der Weltmarktanteil von Green-Bonds bei 1,4 % und selbst bei diesen zeigt sich: Die perfekte Geldanlage gibt es nicht. Anleger müssen Prioritäten setzen und jene Produkte auswählen, die zumindest die für sie wichtigsten Kriterien erfüllen. Denn alle Banken definieren ethische, ökologische und soziale Investments unterschiedlich. Sogenannte nachhaltige Fonds picken sich außerdem häufig nur die, nach ökologischen oder sozialen Aspekten, besten Firmen einer Branche heraus – auch, wenn es sich um Unternehmen aus der Auto- oder Ölindustrie handelt.

Unabhängige Testinstitute kommen so, je nachdem nach welchen Kriterien bewertet wird, zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Es lohnt sich daher den Kriterienkatalog und die Messmethode genau zu überprüfen und nicht nur auf die Endnote zu achten. Ein Beispiel: Die South Pole Group, eine Ausgründung der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, berechnete in einer aktuellen Studie den CO₂-Fußabdruck verschiedener Aktien und Aktienfonds und hat festgestellt, dass vier ethisch-ökologische Fonds nach diesem Kriterium schlechter abschneiden als andere konventionelle Fonds. In der Erklärung wird klar warum: In den ethisch-ökologischen Fonds waren einige Aktien von Solarzellen-Produzenten. Diese haben zunächst einen vergleichsweise großen CO₂-Fußabdruck, weil bei der Herstellung der Solarzellen viel Energie verbraucht wird. Auf Dauer helfen die produzierten Solarzellen aber bei der Senkung des CO2-Ausstoßes. Da die Bewertung nur eine Momentaufnahme ist, ist die Aussagekraft des CO₂-Fußabdrucks zur Gesamtbeurteilung begrenzt.

Ein sehr umfangreiches und vielschichtiges Bewertungssystem bietet die oekom research AG. Unternehmen werden dabei branchenspezifisch nach etwa 100 Kriterien (aus einem Pool von 700 Kriterien) in den Bereichen Umwelt, Soziales und Kultur bewertet. Ein sehr gutes Rating erhalten nur Unternehmen, die in allen Bereichen sehr fortschrittlich sind und nicht weil sie derzeit im Vergleich mit anderen Unternehmen an der Spitze stehen.

Regionales Öko-Investment

Möglichkeiten für regionale ökologische Geldanlage abseits der traditionellen Bankenlandschaft bieten die Bürgeraktiengesellschaften Regionalwert AGs (zum Beispiel in Freiburg). Sie geben regelmäßig in Eigenemission Aktien aus. Das Geld der Investoren fließt beispielsweise als Eigenkapital in Höfe, die Investitionen brauchen oder keinen Nachfolger haben. Mit der Investition verpflichten sich die Partnerbetriebe – Erzeuger, Verarbeiter, Händler, Gastronomen – soziale und ökologische Standards einzuhalten. Und darauf, sich untereinander möglichst viel Erzeugnisse abzunehmen. Die lokale Investition bietet den Aktionären die Möglichkeit, einen persönlichen Bezug zu den Projekten aufzubauen.  Außerdem ist sie Anreiz, sich persönlich für den Erfolg der unterstützen Betriebe einzusetzen. Wenn die finanzierten Betriebe mittelfristig profitabel sind, ist die Regionalwert AG als Eigenkapital-Investor am Gewinn beteiligt. Die Aktionäre entscheiden dann auf der Hauptversammlung, ob sie die Gewinne reinvestieren oder als Dividende ausschütten.

Zum Weiterlesen:

  • Max Deml/Holger Blisse: Grünes Geld. Das Handbuch für ethisch-ökologische Geldanlagen, 2012/2013, Hampp Verlag
  • Mechthild Upgang: Gewinn mit Sinn: Wie Sie Ihr Geld sicher anlegen – mit gutem Gewissen, 2009, oekom verlag
  • Klaus Gabriel/Markus Schlagnitweit: Das gute Geld, 2009, Tyrolia
  • Anno Fricke: Grüne Geldanlage – Verantwortungsvoll investieren, Stiftung Warentest, 2010 Verlag?

 

Stürmische Zeiten in der Agrarpolitik

Zu Jahresbeginn sorgte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks mit den „Bauernregeln“ für stürmische Zeiten in der Agrarpolitik. Regelrechte Shit-Storms überrollten das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Landwirte fühlten sich beleidigt, diffamiert und verunglimpft. Die Kampagne wurde daraufhin eingestellt und Frau Hendricks sah sich dazu veranlasst ein Statement auf facebook zu veröffentlichen. Seitdem wird demonstrativ der gesellschaftliche Dialog gesucht – auf nationaler und europäischer Ebene.

Ruf nach Veränderung aus der Bevölkerung

Auch wenn sich manche noch dagegen wehren, die Herausforderungen, die in den „Bauernregeln“ des BMUB thematisiert werden, müssen ernstgenommen werden. Der Wunsch nach verantwortungsvoller Tierhaltung und ökologischem Lebensmittelanbau ist in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Eine aktuelle vom NABU beauftragte forsa-Umfrage aus dem Januar 2017 zeigt beispielsweise, dass sich Bürger eine andere Verteilung der landwirtschaftlichen Subventionen wünschen als bisher. 78% der Befragten sprechen sich für die Vergabe von Fördergeldern an Landwirte gemessen an ihrem gesellschaftlichen Beitrag aus, nicht an der Größe des Betriebs.
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und die Bundesumweltministerin setzen sich dafür ein, mit den EU-Zahlungen in Zukunft landwirtschaftliche Betriebe für die Erbringung gesellschaftlicher Leistungen zu unterstützen. Darüber hinaus fordert die AbL, auch die bereits heute zur Verfügung stehenden Gelder gezielt an landwirtschaftliche Betriebe zu zahlen, die ökologisch und sozial verantwortungsvoll wirtschaften. Der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hat dafür einen eigenen BÖLW-Fachausschuss Wirtschaftspolitik gegründet, um jene politischen Strukturen aufzudecken, die mehr Nachhaltigkeit in der Lebensmittelproduktion verhindern.

Die EU-Diskussion läuft an

Auf europäischer Ebene steht die Agrarpolitik ebenfalls weit oben auf der Agenda. Im Rahmen der Reformvorbereitungen der gemeinsamen EU-Agrarpolitik lädt die EU-Kommission von Februar bis April 2017 EU-Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an einer europaweiten Konsultation ein. Online können Landwirte, Verbände, NGOs und alle anderen Interessierten ihre Meinung zur Zukunft der Agrarpolitik kundtun. Die Ergebnisse der öffentlichen Anhörung werden im Internet veröffentlicht und im Juli 2017 auf einer Konferenz in Brüssel vorgestellt. Sie fließen zudem in die Mitteilung der Kommission ein, welche Schlussfolgerungen zur derzeitigen Leistung der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie mögliche politische Optionen für die Zukunft enthalten wird. Die Schweisfurth Stiftung begrüßt die Öffnung der Diskussion rund um die Lebensmittelproduktion in der EU.

Wie das Wetter um den Frühlingsanfang so hält es sich den Sommer lang

Ob die „Bauernregeln“ von Ministerin Hendricks nun ein geeignetes Mittel waren oder nicht, sei dahingestellt. Die längst notwendige Diskussion rund um die Agrarwende hat die Kampagne jedoch ins Rollen gebracht – und sie wird sicherlich auch über den Sommer hinaus anhalten.

Ausgezeichnete Forschung zur Bio-Lebensmittelwirtschaft

Bio boomt. Ökologische Lebensmittel oder solche aus artgerechter Tierhaltung sind im Trend. Immer mehr KonsumentInnen achten auf eine nachhaltige Wertschöpfungskette und schätzen die neue Vielfalt bei der Lebensmittelauswahl. Um diese Entwicklung zu unterstützen und auszubauen, sind innovative Lösungsansätze in der Herstellung und der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln gefragt. Wichtige Erkenntnisse und Empfehlungen bieten dabei Forschungsergebnisse zu Rechts- und Umweltfragen sowie Lebensmitteltechnologie. Drei herausragende Abschlussarbeiten von Jungwissenschaftlerinnen aus diesen Bereichen wurden heuer auf der Biofach 2017 ausgezeichnet.  Bereits zum vierten Mal wurde der mit insgesamt 8.000 Euro dotierte Forschungspreis Bio-Lebensmittelwirtschaft verliehen. Träger des Preises die Schweisfurth Stiftung sowie die Lebensbaum-Stiftung, AöL und die Biofach selbst.

„Generation Zukunft“
Welchen Einfluss haben ökologische und konventionelle Ernährungsweisen auf unser Klima? Wie lassen sich Interaktionsprobleme zwischen kleinbäuerlichen Betrieben und Abnehmern minimieren? Wie können Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Gemeinschaftsverpflegung reduziert werden? Diese und weitere Fragen behandelten die Bewerber in ihren Abschlussarbeiten. Auf der Biofach in Nürnberg wurden die Siegerinnen Michaela Haack (BA, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde), Hanna Treu (MA, HU Berlin) und Irina Voß (MA, Leuphana Universität Lüneburg) feierlich am Stand von „Generation Zukunft“ ausgezeichnet. Neben Prof. Franz-Theo Gottwald haben die Jurymitglieder Prof. Angelika Ploeger, Albrecht von Schultzendorff und Maren Walter die Preisverleihung begleitet. Musikalisch wurde die Veranstaltung vom Jazz Duo Konstantin Herleinsberger und Felix Buchner untermalt.

Kompetenz gepaart mit Überzeugung
Dr. Niels Kohlschütter, seit Februar 2017 Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung, hat die Preisverleihung verfolgt und war von der Auswahl der Preisträger begeistert. Besonders beeindruckt hat ihn die Kompetenz des Nachwuchses: „Die bei der Verleihung gestellten Fragen wurden in einer Tiefe beantwortet, die insbesondere mit Blick auf die kurze Erstellungszeit der Abschlussarbeiten fasziniert. Die Preisträgerinnen zeigten eine erfolgsversprechende Kombination aus Kompetenz und Herzblut. Wir wünschen ihnen alles Gute für die Zukunft!“

Ab sofort können bereits Arbeiten für den Forschungspreis 2018 eingereicht werden: www.forschungspreis-bio-lebensmittel.de

Headerfoto: V.l.n.r.: Dr. Franz Ehrnsperger (Neumarkter Lammsbräu), Dr. Susanne Freifrau von Münchhausen (HNE Eberswalde), PD Heide Hoffmann (Humboldt Universität Berlin), Maren Walter (Vorstand der Lebensbaum-Stiftung), Michaela Haack (Preisträgerin), Dr. Dorli Harms (Leuphana Universität Lüneburg), Hanna Treu (Preisträgerin), Albrecht von Schultzendorff (Teutoburger Ölmühle GmbH), Prof. Dr. Dr. Angelika Ploeger (Fachgebietsleiterin Ökologische Lebensmittelqualität und Ernährungskultur Universität Kassel), Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung), Dr. Alexander Beck (Geschäftsführender Vorstand, AöL), Dr. Jürgen Tölke (Geschäftsführer, Biofino GmbH), Petra Wolf (NürnbergMesse/Biofach)

Bioökonomie – Fluch oder Segen?

Hinter dem Begriff der Bioökonomie verbirgt sich die Idee der kommerziellen Nutzung des Lebens mit all seinen Facetten – von Tieren, über Pflanzen bis hin zu Mikroorganismen. Ziel ist es, einen Wandel weg von der Abhängigkeit von Erdöl, hin zu einer pflanzenbasierten, industriellen Welt zu bewerkstelligen. Doch kann Bioökonomie die neue Schnittmenge zwischen Ökologie und Ökonomie sein? Schützt sie die Natur oder (be)nutzt sie all ihre Ressourcen noch radikaler als je zuvor? Ist beides möglich? Der Bayerische Rundfunk hat im Rahmen des Sendeformats „Evangelische Perspektiven“  diese und andere Fragen rund um das „Zauberwort“ Bioökonomie mit Experten kontrovers diskutiert. „Wenn alles Leben zur Ware wird. Bioökonomie – Fluch oder Segen?“, so der Titel, der in der br-online.de Mediathek nachgehört oder nachgelesen werden kann.

Antwort auf Welthunger, Klimawandel und Ressourcenknappheit oder risikoreiche Vermarktung der Natur?

Unterstützung findet das Konzept seitens der aktuellen Bundesregierung im Rahmen des Programms „Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“. Die Befürworter sind überzeugt, dass die Bioökonomie Antworten auf die Energiefrage, den Klimawandel und die Ressourcenknappheit, ebenso wie Welthunger und Krankheiten bieten kann – mit der Orientierung am Kreislaufprinzip und der effizienten Nutzung von Biomasse.
Kritiker bemängeln hingegen, dass der Industrie sowie der Wirtschafts- und Innovationspolitik der Containerbegriff Bioökonomie zur Vermarktung dient. Der Diskurs um umstrittene Themen – wie beispielsweise Gentechnik gepaart mit IT-Technologie oder Wachstumsphilosophie – wird umgangen, stattdessen werden die Inhalte unter dem neuen, positiv anmutenden Begriff Bioökonomie zusammengefasst. Eine kritische Betrachtung des Konzepts lässt sich in dem bei Suhrkamp erschienen Buch „Irrweg Bioökonomie“ von Franz-Theo Gottwald und Anita Krätzer nachlesen. Neben Kritik an dem Konzept werden insbesondere mögliche Alternativen thematisiert. In der Studie des Instituts für Welternährung – World Food Institute e.V. (IWE) „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?“ nennen Franz-Theo Gottwald und Joachim Budde potentielle Risiken, die die Bioökonomie mit sich bringt, beispielsweise die Großtechnik für kapitalstarke Unternehmen, denen Mittel- und Kleinbetriebe nichts entgegensetzen können. Ein zunehmendes Landgrabbing infolge von Konkurrenz um Landflächen zeichnet sich schon heute ab.

Neu: Die Theologisch-ökologische Argumentation

Zu dem zunächst assoziierten Thema Umweltschutz, lassen sich wenige bis keine Parallelen mit der Bioökonomie entdecken. Neben Ökologen ruft dies zunehmend auch Theologen auf den Plan. Denn in der, mit der Bioökonomie einhergehenden, Entfremdung von der Natur wird laut Franz-Theo Gottwald der „Eigenwert der Natur“ bzw. ihre Würde untergraben. Der Mensch nimmt sich aus dem Eingebundensein in der Gänze der Natur heraus und wird zum eigenmächtigen „Schöpfer dieses Planeten“ – zum Guten und zum Schlechten. Der bisher zugrundeliegende normative Rahmen gilt nicht länger, wenn Pflanzen und Tiere ihren Eigenwert durch das Design des Menschen verlieren.

Bei der Sendung zu Gast im Studio waren:

  • Franz-Theo Gottwald, Theologe und Professor für Ernährungs- und Umweltethik an der Freien Universität Berlin
  • Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik am Lehrstuhl für Theologie an der LMU München und Mitglied im Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern
  • Stephan Schleissing, vom Institut „Technik, Theologie, Naturwissenschaften“ der LMU München
  • Christoph Then, Tierarzt und Biotechnologie-Kritiker
  • Anita Krätzer, Hamburger Unternehmensberaterin und Co-Autorin des Buches ‚Irrweg Bioökonomie‘
  • Pat Mooney, kanadischer Entwicklungshelfer, der für seine kritischen Analysen von wissenschaftlich-technologischen Innovationen mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde

Suffizienz: Genügsam gut leben

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse – aber nicht für jedermanns Gier.“ Mit diesem berühmten Satz hat Mahatma Gandhi das Prinzip der Suffizienz beschrieben. Suffizient leben bedeutet also: Nur das konsumieren, was man wirklich für ein zufriedenes Leben braucht.
Dieser Ansatz scheint auf den ersten Blick wenig ansprechend. Wer schränkt sich schon gerne freiwillig ein? Dabei kann der Verzicht auf Überflüssiges eine ganz neue Lebensqualität schaffen. Und: Suffizienz ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Sie gehört  zu den erklärten Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen.

Umdenken – und andere überzeugen

Welche Gegenstände in meinem Besitz nutze ich regelmäßig, und welche sind überflüssig? Brauche ich wirklich ein eigenes Auto? Muss es immer das neueste Smartphone sein? Wer sich mit Suffizienz beschäftigt, wird zunächst sein eigenes Konsumverhalten kritisch hinterfragen. Ein wichtiger Schritt, aber ganzheitlich betrachtet nur ein erster Schritt. Damit sich der Gedanke der Suffizienz durchsetzt, braucht es übergreifende gesellschaftliche und politische Veränderungen. Wie einzelne zivilgesellschaftliche und politische Akteure hier aktiv werden können, welche Felder und Strategien sich anbieten, zeigt die digitale Landkarte Suffizienzpolitik von Angelika Zahrnt, BUND-Ehrenvorsitzende und Dominik Zahrnt, Gründer von (r)evolutionäre ideen.

Ein digitales Planungstool für Suffizienzprojekte

Die Landkarte Suffizienzpolitik ist ein webbasiertes Planungs-Werkzeug. Das Online-Tool hilft dabei, suffiziente Ansätze zu entwickeln und praktisch umzusetzen. Es führt Schritt für Schritt durch das komplexe Themenfeld Suffizienzpolitik. So unterstützt die Landkarte bei Kampagnen, Strategieprozessen oder Politikmaßnahmen. Auch Einsteigern in das Thema Suffizienz bietet die Landkarte einen wertvollen Überblick.
Sie interessieren sich für das Thema Suffizienz? Hintergrundinfos zu Suffizienz und zur digitalen Landkarte bietet der Artikel „Sehen, gehen, teilen“ von Angelika und Dominik Zahrnt, erschienen in der Zeitschrift Ökologisches Wirtschaften, Ausgabe 03/2016.

Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2017: Jetzt bewerben!

Noch bis zum 1. November 2016 können sich engagierte Umweltschützer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis bewerben oder Vorschläge einreichen.

Flüsse: Lebensadern in Gefahr

Flussbegleitende Auenlandschaften zählen zu den vielfältigsten und artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Darüber hinaus spielen sie bei der Rückhaltung von Hochwasser, bei der Selbstreinigung der Flüsse, bei der Anreicherung und Reinigung des Grundwassers sowie als Biokorridore in der Landschaft eine herausragende Rolle; sie bilden mit den Flüssen eine untrennbare, ökologische Einheit. Doch aufgrund massiver Verbauung, Kanalisierung, Abbau von Kiesen und Sanden sowie durch den Bau immer neuer Wasserkraftwerke finden sich kaum noch naturnahe und weitgehend intakte Fluss- und Auenlandschaften. Um auf diese Probleme aufmerksam zu machen und den Schutz von Flüssen und Auen zu fördern, vergibt der Wolfgang Staab-Naturschutzfonds in Kooperation mit der Schweisfurth Stiftung jährlich den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften.

Leben für den Naturschutz

Der Preis ist benannt nach Wolfgang Staab (1938-2004). In Worms am Rhein geboren und aufgewachsen machte er sich an der Spitze des BUND-Landesverbandes Rheinland-Pfalz einen Namen als ungewöhnlich engagierter und erfolgreicher Anwalt der Natur. Er kam 2004 bei einem Autounfall ums Leben. Seine Witwe Dr. Dorette Staab ist Stifterin des mit 20.000 Euro dotierten Preises und ist neben Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister, langjähriger Leiter des WWF-Auen-Instituts in Rastatt, Mitglied der dreiköpfigen Jury.

Sind Sie Flussschützer? Oder kennen jemanden aus Wissenschaft oder Umweltschutzarbeit, der sich in herausragender Weise für den Schutz von Flüssen engagiert? Dann kontaktieren Sie uns!

Schweisfurth Stiftung
z. Hd. Frau Carmen Grimbs
Rupprechtstr. 25
D-80636 München

Fon.: 0049/ 89/ 179595-10
Fax: 0049/ 89/ 179595-19
info@schweisfurth-stiftung.de
www.schweisfurth-stiftung.de

Land-Wende

Die Konzentration der Landwirtschaft, die in den kommunistischen Ländern unter Zwang und Gewalt herbeigeführt wurde, lief und läuft im Westen in dieselbe Richtung. Doch was ist hier das wirkende Prinzip? Genau das untersucht Michael Beleites, Publizist und Gärtner, in seinem aktuellen Buch Land-Wende.

Der Verdrängungs-Wettbewerb; die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe, hebelt soziale und ökologische Beziehungen aus und ist Motor wirtschaftlichen Wachstums. Was aber, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind – und der Motor weiterläuft? Ausgehend von einer fundamentalen Kritik an Selektionslehre und Wettbewerbs-Logik beleuchtet Beleites die Krise der Landwirtschaft.

Die Konzentration der Landwirtschaft, die in den kommunistischen Ländern unter Zwang und Gewalt herbeigeführt wurde, lief und läuft im Westen in dieselbe Richtung. Doch was ist hier das wirkende Prinzip?

Es ist die Idee des Verdrängungs-Wettbewerbs, die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe. Dieses System überlässt die Vernichtung des Bauernstandes den Bauern selbst: Sie sind in einen Existenzkampf von Landwirt gegen Landwirt hineingestellt. Das ist eine strukturelle Gewalt, die keinen Polizeistaat braucht, weil sich unter diesen Verhältnissen die Bauern gegenseitig den Boden wegnehmen – solange, bis nur noch wenige Großbetriebe übrig sind.

Die Angst, im allgemeinen Wettrennen zurückzubleiben ist so groß, dass schlicht keiner mehr danach fragt, wohin diese Rennbahn eigentlich führt; ob es überhaupt irgendwo ein Ziel gibt. Wettbewerb war und ist der Motor eines von den realen Bedürfnissen entkoppelten wirtschaftlichen Wachstums. Was aber, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind – und der Motor weiterläuft? Was, wenn keiner weiß, wie man ihn abstellen kann? Dann kommt es unweigerlich zum Crash.

Wollen wir dem Desaster entgehen, so müssen wir die Logik des Wettbewerbs näher betrachten; uns anschauen, wo sie eigentlich her kommt, wie sie auf uns und in uns wirkt und wie sie unser Umfeld beeinflusst. Auf dem Feld der Landwirtschaft zeigt es sich deutlicher als in anderen Bereichen: Für zukunftsfähige Konzepte ist Wettbewerb ein falsches Leitbild. Wettbewerb hebelt soziale und ökologische Beziehungen aus. Wettbewerb desintegriert.

Wettbewerb nötigt die Menschen dazu, jedes menschliche Maß auszublenden und das natürliche Maß unserer Umweltverhältnisse zu ignorieren. Der Wettbewerb bewirkt und rechtfertigt Maßlosigkeit. Da der im Wettbewerb stehende Mensch zwangsläufig auf eine Übervorteilung gegenüber anderen aus ist, wird der Grundwert des Vertrauens systematisch abgeschliffen. Ein „fairer Wettbewerb“ ist so etwas wie ein gebratener Schneeball.

Fragt man nach den theoretischen und ethischen Grundlagen des Verdrängungswettbewerbs, so wird man auf Darwins Selektionslehre eines allgegenwärtigen „Kampfes um’s Dasein“ verwiesen. Die Logik von „Fressen oder gefressen werden“ sei ein „Naturgesetz“ und dem könne sich auch der Mensch nicht entziehen.

Die Selektionslehre ist von Anfang an zur Rechtfertigung der kapitalistischen Verhältnisse instrumentalisiert worden – um diese als naturgesetzlich und alternativlos hinzustellen. Darwin hatte ja die frühkapitalistischen Verhältnisse Englands in die Natur hineinprojiziert. Diese falsche Naturanschauung ist dann tausendfach auf die menschliche Gesellschaft zurückgespiegelt worden. Dass sich die Lebenswelt der Menschen zusehends in ein von Wirtschaftsinteressen dominiertes Konkurrenzgeschehen verwandelte, hat man mit dem Verweis auf Darwin als „natürlich“ vermittelt – und schließlich auch so angesehen.

Die Wettbewerbs-Logik ist jedoch ebenso naturwidrig, wie die biologische Selektionslehre, auf die sie sich stützt. Wer meint, dass die Kohlmeisen ihren schwarzen und die Blaumeisen ihren blauen Scheitel deswegen hätten, weil ihnen das Vorteile im „Kampf um’s Dasein“ brächte, ist einer haltlosen Irrlehre verfallen.

Aus dieser falsch verstandenen Biologie wurde die Wettbewerbs-Logik in die Ökonomie übertragen und von dort aus ist sie in alle Gesellschaftsbereiche eingedrungen. Im Idealfall ist eine Gesellschaft jedoch wie ein Organismus verfasst, dessen „Organe“ zum gegenseitigen Vorteil und zum Wohle des Ganzen zusammenarbeiten – und nicht danach trachten, sich gegenseitig zu verdrängen. Die Zukunft liegt nicht im Verdrängungs-Wettbewerb, sondern in einer Kooperation und Integration, die das Ganze im Blick hat.

Das Buch „Land-Wende“ betrachtet nicht nur die fatalen Folgen des Wettbewerbssystems in der Landwirtschaft, sondern auch dessen Ursachen. Es untersucht die Wettbewerbs-Logik dort, wo sie herkommt: in der Biologie. Eine biologisch-ökologische Analyse kommt zu dem Schluss, dass die wichtigsten Grundannahmen der Selektionslehre nicht länger haltbar sind. Nicht Kampf und Konkurrenz erhalten oder verändern die Arten, sondern die Teilhabe an der innerartlichen und zwischenartlichen Kommunikation, die Integration in natürliche Ökosysteme, der freie Zugang zu natürlichen Umweltinformationen jeder Art; kurz: die Umweltresonanz.

Wie wollen wir rauskommen aus der Wettbewerbsfalle? Bestehende alternative Konzepte, wie die solidarische Landwirtschaft, die Permakultur, das Gärtnerhof-Konzept oder der traditionelle Kleinbauernhof werden auf ihre Eignung für eine enkeltaugliche Landwirtschaft überprüft. Um von billigem Öl unabhängig zu werden, müssen die Selbstversorgungsfähigkeiten der Regionen gestärkt werden.

Eine Wende zu einer überlebensfähigen Gesellschaft braucht keine neuen Expertisen, sondern erprobte Praxisfelder. Die Praxis für diese Wende muss auf dem Land entwickelt werden und die Wegbereiter dieser Land-Wende brauchen „Boden unter den Füßen“. Für die Herausbildung einer regionalen Versorgungssouveränität ist ein Netzwerk von zur Selbstversorgung fähigen ökologischen Kleinbauernhöfen nötig – die als Kristallisationskeime einer zukunftsfähigen Gesellschaft wirksam werden können.

Die überfällige Agrar-Wende wird als eine Land-Wende aufgezeigt, die den Dorfbewohnern Versorgungssouveränität und Lebensqualität zurückgibt. So eröffnen sich Wege in eine von Wachstum unabhängige Gesellschaft, die Wettbewerb durch Kooperation ersetzt. Schlüssel zum Erfolg: Land und ein Grundeinkommen für Selbstversorger.

Zum Weiterlesen:
Michael Beleites (2016): Land-Wende. Raus aus der Wettbewerbsfalle! Metropolis-Verlag, Marburg

Global Ecological Integrity Group – Tagungsbericht Integrität und Allgemeinwohl

Die Global Ecological Integrity Group (GEIG) ist ein internationales Netzwerk. Mehr als 250 Wissenschaftler*Innen und unabhängige Forscher*Innen befassen sich mit Fragen der ökologischen und sozialen Integrität. Aus Sicht verschiedener Disziplinen wie Ökologie, Biologie, Philosophie, Epidemiologie, Public Health, ökologische Ökonomie und internationalem Recht, sowie Agrar-und Politikwissenschaften wird einmal jährlich in einer Tagungswoche an aktuellen Fragen der globalen Entwicklung des Allgemeinwohls gearbeitet.

Die internationale GEIG-Konferenz 2016 fand im April in München an der Hochschule für Philosophie statt. „The Common Good: The Role of Integrity in Support of Life and Human Security“, lautete das Konferenzthema. Mehrere Referenten*Innen gingen ein auf die päpstliche Enzyklika Laudato Si und die aus ihr folgenden Verantwortungszuweisungen an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Andreas Gösele, Dozent für Sozialethik zeigte z.B. auf, was ganzheitliche Ökologie in dieser Enzyklika bedeutet und welche Veränderungsimpulse für die Umgestaltung der Wirtschaft weltweit (Wirtschaft tötet! so Papst Franziskus an anderer Stelle) abgeleitet werden können. Er führte aus, dass die Enzyklika eine herausragende  philosophische und theologische Unterfütterung der Global Development Goals sei, auf die die Weltgemeinschaft sich im vergangenen Jahr verständigt habe.

Mit seinen Ausführungen knüpfte er auch an den richtungsweisenden Eröffnungsvortrag des internationalen Umweltrechtlers Peter Sand an, der aufzeigte, dass aus der Sorge für die weltweiten Allmenden ein neues Rollenmodell für das menschliche Verhalten in Produktion und Konsum folgen müsse. Mehr denn je sei ein Wandel erforderlich hin zu einem vor- und fürsorgenden Verhalten seitens der Menschheit. Und dies sei zwingend auch auf der Ebene von Verfassungen und anderweitig rechtlich zu verankern.

Das Rollenmodell für dieses Verhalten könne mit Konzepten des „Caretakership, Stewardship, Protectorship oder Trusteeship“ inhaltlich ausgefüllt werden, je nach kulturgeschichtlichem Hintergrund. Nach Sand geht es verstärkt um den Auf- und Ausbau von weltweit anerkannten Institutionen, die für Zurechenbarkeit von Folgen wirtschaftlicher, technischer oder sozialer Eingriffe rechtlich bindend Sorge tragen können.

In der Diskussion zu diesen Beiträgen entstand auch die Überlegung, die aktiven Religionsgemeinschaften weltweit verstärkt in allgemeinwohlrelevante Aktivitäten, wie Klima-, Gewässer – und Bodenschutz einzubeziehen. Da sie alle eine eigene Legislative und Jurisdiktion haben, könnte genau an diesen Rechtsverhältnissen angesetzt werden. Zum Beispiel könnte das bestehende Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche auf die Umsetzung ökologischer und sozialer Entwicklungen in modernen Gesellschaften hin kritisch beleuchtet und gegebenenfalls weiterentwickelt werden.

In vielen Tagungsbeiträgen wurde auf die Dimension der Weiterentwicklung von nationalen Verfassungen oder internationalen Regimes, wie z.B. Handelsabkommen eingegangen. Die Vorschläge bezogen sich auf kosmozentrische Grundlegungen bzw. Erweiterungen von Verfassungen, ferner auf die Integration von Vor-, aber auch Nachsorgeprinzipien und reichten bis zu Anregungen für eindeutige Verfassungsartikel, die gesellschaftliche Entwicklungen weltweit auf ein regeneratives Wirtschaften und eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft ausrichten könnten.

Die Teilnehmer*Innen der Tagung waren sich darin einig, dass es ein neues weltbürgerliches Erwachen brauche. So wurde u.a. auf die enorme Bedeutung der Earth-Charta verwiesen, die eine der Lebendigkeit verpflichtete kosmopolitane, also weltbürgerliche Agenda für mehr Integrität in Institutionen und Organisationen formuliert hat (www.earthcharta.org).

Wie kann eine globale, rechtlich verbindliche Gestaltung (Global Governance) von Allgemeinwohl betreffenden Themen vorangebracht werden? Wie wird sich das Pariser Klimaabkommen realpolitisch auswirken? Wie werden die Sustainable Development Goals gut umgesetzt werden können? Diese Fragen beherrschten die Debatten zwischen den mehr als 30 Vorträgen. Viele Bezüge zu den planetarischen Grenzen bzw. zu einem Leben in einem für die Menschheit sicheren und widerstandsfähigen Handlungsraum (Safe Operating Space) wurden von den Konferenzteilnehmern*Innen eingebracht. Immer wieder wurde dabei die besondere Rolle eines auch moralisch integren Verhaltens des Einzelnen betont, um ökologische und soziale Integrität verwirklichen zu können und zum Allgemeinwohl beizutragen.

Im Anschluss an einen entsprechenden Vortrag des Stiftungsvorstands und Gastgebers der diesjährigen Tagung, Franz-Theo Gottwald, wurde die breite Streuung von Vorschlägen zum Erreichen integren, individuellen Verhaltens unter den Diskussionspartnern*Innen feststellbar. Hierzu gehörten zum Beispiel die politische Setzung und Hinterlegung von Anreizsystemen für ein Verhalten, das unter Gesichtspunkten der Zukunftsgerechtigkeit vorzuziehen sei, also von Gesetzen und Verordnungen. Auch eine verstärkte interkulturelle Kommunikation von religiösen und ethischen Prinzipien wurde genannt. Wichtig war den Teilnehmern*Innen zudem, die Forschung zu intensivieren, wie in unterschiedlichen Kulturen die Brücke zwischen angestrebtem nachhaltigen Verhalten und realer Lebensführung bzw. realem alltäglichem Konsum geschlagen werden können, also wie das sogenannte Consumer Citizen Gap zu schließen sei.

Die Beiträge zur Tagung werden im kommenden Jahr bei Springer Press veröffentlicht.

Die nächste internationale GEIG-Konferenz wird im Sommer 2017 in Kanada stattfinden.

Das Leben an die Flüsse zurückbringen: Verleihung des Wolfgang Staab-Preises 2016

Lang wurde der Rhein als reine Wasserstraße für den Schiffsverkehr gesehen, seine Ufer wurden verbaut und die Auen zerstört. Das wollte Flussexperte Klaus Markgraf-Maué nie hinnehmen. Seit 20 Jahren widmet sich der studierte Biologe und Geograf bei der NABU-Naturschutzstation Niederrhein der Renaturierung ursprünglicher Auenlandschaften. Für seine Arbeit erhielt der Flussexperte am 10. Juni 2016 den diesjährigen Wolfgang Staab-Naturschutzpreis bei einem Festakt in den Räumen der Schweisfurth Stiftung in München.

Klaus Markgraf-Maue: Ein Pionier, der andere mitreißt
„Dass man am Rhein, an der meistbefahrenen Wasserstraße Deutschlands, Renaturierungsprojekte durchführen kann, ist nicht selbstverständlich“, betonte NABU-Präsident Olaf Tschimpke in seiner Laudatio auf den Preisträger. Die wachsende Bereitschaft der zuständigen Behörden, solche Vorhaben des NABU zuzulassen und zu unterstützen, verdanke man Pionieren wie Markgraf-Maué. Tschimpke würdigte den Flussexperten als mitreißenden Motivator, der es immer verstanden habe, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Seine Arbeit und seine „nie verkniffene, immer positive Art“ hätten dazu geführt, dass die Fluss- und Auenschutzprojekte wachsende Anerkennung fänden.

Der Rhein kann wieder mehr sein als eine Wasserstraße
Die Rede des Preisträgers Klaus Markgraf-Maué wurde geprägt von einem Blick auf zukünftige Projekte und Ziele. Trotz der wichtigen Rolle des Rheins als Verkehrsweg sei es möglich, ihn auch als wertvollen Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanzen zu erhalten und zu renaturieren. Gebremst werde dieser Prozess aber oft von bürokratischen Hürden, deren Abbau sich der Preisträger wünscht. „Viele lokale Projekte stoßen auf große Hindernisse in der Verwaltungsstruktur, die zu bewältigen uns viel Zeit und Geld kostet.“ Dass er sich von solchen Verzögerungen nicht entmutigen lässt, zeigt Markgraf-Maués erfolgreiche Arbeit in vielen Projekten, beispielsweise im Naturschutzgebiet Emmericher Ward am Niederrhein.

Preis würdigt Verdienste um Fluss- und Auenschutz
Seit 2015 vergibt die Schweisfurth-Stiftung den mit 20.000 Euro dotierten Preis in Kooperation mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds an Personen, die sich besonders für den Fluss- und Auenschutz engagieren. Wolfgang Staab (1938-2004) machte sich als leidenschaftlicher Umweltschützer in Rheinland-Pfalz einen Namen. Als Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz des BUND wirkte er viele Jahre sehr erfolgreich; später war er als Schatzmeister im BUND-Bundesverband tätig. Seine Witwe Dr. Dorette Staab richtete 2014 den Wolfgang Staab-Naturschutzfonds innerhalb der Schweisfurth Stiftung ein.

Mit der Verleihung des Wolfgang Staab-Preises 2016 beginnt zugleich die Bewerbungsfrist für die Preisvergabe 2017. Sie läuft bis zum 1. Oktober 2016. Weiterführende Information können Interessenten unter info@schweisfurth-stiftung.de anfordern bzw. Vorschläge einreichen.

Mehr Informationen zum Thema Fluss- und Auenschutz finden Sie auf den Seiten der NABU Naturschutzstation Niederrhein und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung

Headerfoto (v.l.n.r.): Prof. Emil Dister (WWF Aueninstitut Rastatt), NABU-Präsident Olaf Tschimpke, Preisträger Klaus Margraf-Maué, Prof. FRanz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung

Leben als Lego-Baukasten? Ein Wort zur Synthetischen Biologie

Forscher erschaffen künstliche DNA. Das klingt wie in einem ScienceFiction-Film, ist im Wissenschaftsalltag aber längst Realität. Die neue Spielwiese der Gentechnologie nennt sich Synthetische Biologie. Sie ermöglicht es, Gene beliebig zu manipulieren, bestehendes Leben zu „optimieren“ und neue Lebewesen zu schaffen. Genau diese schier unbegrenzten Möglichkeiten machen die Synthetische Biologie für viele so interessant.

Künstliches Leben? Längst machbar.
Das Erbgut besteht naturgemäß aus vier Basen: Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Paarweise verbunden bilden diese Basen die DNA-Moleküle. Mit der Synthetisierung komplett neuer Basen wird Leben erschaffen, das in der Natur überhaupt nicht vorgesehen ist. 2014 etwa meldeten kalifornische Forscher die Ausstattung eines Bakteriums mit einem zusätzlichen Basenpaar. Neben den vier üblichen DNA-Bausteinen wurde das Alphabet des Lebens einfach um zwei weitere Basen erweitert: d5SCIS and dNaM. Die Forscher sprechen von einem halbsynthetischen Lebewesen.[1] Bei der Deutschen Forschergemeinschaft DFG ist man euphorisiert über die unendlichen Möglichkeiten der Synthetischen Biologie: Biologische Systeme (Lebewesen!) sollen „nicht nur künstlich generiert bzw. nachgebaut, sondern kreativ gestaltet und mit Komponenten ausgestattet werden, die in der Natur in dieser Form bisher nicht vorkommen“[2].

Weitreichende Anwendungsmöglichkeiten
Synthetische Biologie ist eine relativ junge Wissenschaft. Angesiedelt zwischen Ingenieurstechnik, Chemie und Biotechnologie, erstrecken sich ihre möglichen Anwendungsgebiete von der Medizin und Diagnostik über die Energiegewinnung bis hin zur chemischen Produktion. Auch in Landwirtschaft und Tierhaltung bieten sich Anwendungsfelder. Auf die Spitze getrieben: Das „genoptimierte“ blinde, federlose Huhn wäre die Lösung für das unschöne tierschutzrelevante Problem des Federpickens. Dass die Ursachen für diese Verhaltensstörung eben gerade in der Zucht und in den unzureichenden Haltungsbedingungen liegt – wen kümmert es? Es wäre nicht das erste maßgeschneiderte Tier – längst können Labore Mäuse und andere Nager bestellen, die nach Kundenwunsch gewissermaßen genetisch „designt“ werden.

Was darf der Fortschritt?
Wie keine andere Technologie wirft die Synthetische Biologie die Frage auf, ob und wie weit der Mensch als Schöpfer in die Natur eingreifen darf. Wer sich in dieser Diskussion kritisch äußert, wird gern als fortschrittsfeindlich abgekanzelt. Was dabei vergessen wird: Fortschritt ist sinnvoll und gut, wenn er Sinnvolles und Gutes hervorbringt. Und – das ist der wesentliche Aspekt bei allen biotechnologischen Anwendungen – wenn seine Folgen kontrollierbar sind. Das bedeutet auch, dass sie sich der politischen Willensbildung unterwerfen.

Es bleibt: Das Risiko
Im Fall der Synthetischen Biologie gibt es trotz weitreichender Forschungs- und Anwendungsmöglichkeiten keine angemessenen gesetzlichen Regelungen. Dabei sind die Folgen dieser Technologie unabsehbar. Wie verhält sich etwa künstliche DNA im Organismus? Was passiert im Zusammenspiel mit anderen Lebewesen? Wie beeinflusst künstlich erzeugtes Leben die Umwelt? Fragen, die bisher niemand beantworten kann.

Eine Technik mit hohem Missbrauchspotenzial
Besonders brisant: Die Methoden der Synthetischen Biologie sind inzwischen theoretisch jedem zugänglich. Das notwendige Werkzeug kann man problemlos im Internet bestellen. Weil so jeder zum Hobby-Bioingenieur werden kann, birgt die Synthetische Biologie ein riesiges Missbrauchspotenzial. Hier entstehen neuartige Risiken, die weder angemessen beforscht noch seitens der zuständigen Stellen gebührend berücksichtig werden. Das ist tragisch – denn die Konsequenzen werden alle Menschen tragen müssen. Auch die Zivilgesellschaft, die nicht gefragt wurde, ob sie solch weitreichende Technologien überhaupt möchte.

 

Zum Weiterlesen:
Die kritische Analyse von Dr. Christoph Then (TestBiotech e.V.) und Sylvia Hamberger: Synthetische Biologie und künstliches Leben Teil 1 & Teil 2.
Das Dossier „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?“ von Franz-Theo Gottwald und Joachim Budde.

Quellen
[1] Malyshev, Denis A.; Dhami, Kirandeep; Lavergne, Thomas; Chen, Tingjian; Dai, Nan; Foster, Jeremy M.; Corrêa, Ivan R.; Romesberg, Floyd E. (2014): A semi-synthetic organism with an expanded genetic alphabet. In: Nature DOI: 10.1038/nature13314
[2] http://dfg.de/dfg_magazin/forschungspolitik_standpunkte_perspektiven/synthetische_biologie/index.html, aufgerufen am 9.12.2015

 

Die Kommerzialisierung allen Lebens hat Folgen

Mit der Technik von morgen die Probleme von heute lösen – eine verlockende Vision. Auch in der Landwirtschaft versprechen neue Technologien scheinbar das Ende aller Hungersnöte. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, warnt dagegen vor der sogenannten Bioökonomie.

Ein unkalkulierbares Risiko
„Wir haben schon das Elend der Atomtechnik erleben müssen, partiell das Elend der grünen Gentechnik – und jetzt fangen wir an, die Grundbausteine des Lebens neu zu kombinieren“ resümiert Gottwald im Interview mit dem oya Magazin. Der Einsatz solcher neuen, „nicht rückholbaren“ Biotechnologien wie der synthetischen Biologie sei mit einem nicht kalkulierbaren Risiko verbunden, so der Agrarexperte. Ein Risiko, das aus seiner Sicht zudem unnötig ist:

„Es wird argumentiert, dass diese Entwicklung nötig sei, um 10 Milliarden Menschen zu ernähren, aber das ist auch durch sanfte Alternativen, die für mehr Menschen mehr Zugänge zu Nahrung ermöglichen und weniger Kosten verursachen, erreichbar.“

Eine Aufgabe für die Politik – und jeden einzelnen
Um diesen sanften Methoden den Vorzug vor einer Vermarktung alles Lebendigen zu geben, sieht der Vorstand der Schweisfurth Stiftung Politik und Gesellschaft in der Pflicht: „Meines Erachtens ist ein politischer Rahmen gefragt und zugleich eine Begleitung von Menschen in andere Wahrnehmungs- und Empfindungsmuster, die sie aus der Einstellung herausführen, Natur beherrschen zu wollen.“

Zum vollständigen Interview im oya Magazin

HighTech gegen den Hunger? Dossier zur Bioökonomie erschienen

Die Frage, wie wir in Zukunft eine wachsende Weltbevölkerung gut ernähren können, stand im Mittelpunkt des Global Bioeconomy Summit, der vom 24. bis 26. November in Berlin stattfand. Die Verfechter der Bioökonomie sehen die Antwort in der Technologisierung der Landwirtschaft. Ertragssteigerungen, (gen-)technische Lösungen und mehr Effizienz sollen dafür sorgen, dass alle satt werden. Doch wie wirksam ist die Ökonomisierung des Biologischen tatsächlich im Kampf gegen Hunger und Armut? Wo liegen die Gefahren? Und: Welche sinnvollen Alternativen gibt es? Ein soeben erschienenes Dossier von Stiftungsvorstand Franz-Theo Gottwald und Wissenschaftsjournalist Joachim Budde im Auftrag des Instituts für Welternährung geht diesen Fragen auf den Grund.

Statt mehr Nahrung: Mehr Probleme
Die ernüchternde Bilanz von Gottwald und Budde: Bioökonomie leistet bislang keinen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung. Vielmehr kommen die beiden Autoren zu dem Schluss, dass die bioökonomische High-Tech- und Investitionsstrategie den Kampf um Boden und biologische Ressourcen verschärft. Damit fördert der bioökonomische Ansatz Hunger, Armut und Flucht, anstatt diese Probleme zu lösen.

Die Kommerzialisierung von Leben
Problematisch sei außerdem die zunehmende Kommerzialisierung alles Lebendigen, so die Agrarexperten Gottwald und Budde. Saatgut, Tiere, Pflanzen − alles verkomme zur Ware. Beteiligungsansprüche von lokalen Gemeinschaften fielen dabei unter den Tisch, ebenso wie die Idee der Gemeingüter (Commons). Biotechnologische Verfahren wie Gentechnik oder synthetische Biologie sollen Leben optimieren, effizienter machen, an die (wirtschaftlichen) Interessen der Industrie anpassen. Aber: „Die Wunderwaffen der Bioökonomie können nach hinten losgehen“, warnt Franz-Theo Gottwald. Seien die biologischen Hochrisikotechnologien einmal im Einsatz, ließen sie sich nicht mehr stoppen, geschweige denn rückgängig machen. Profitieren würden von dieser Entwicklung nicht die Hungernden, sondern die Konzerne.

Das vollständige Dossier können Sie hier als PDF herunterladen.

Pressemitteilung „Bioökonomie schafft neue Fluchtursachen“, November 2015, Institut für Welternährung e.V.

Einen interessanten Beitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt (Huffington Post) zu der Bioökonomiestudie können Sie hier online  lesen.

Zum Weiterlesen: Franz-Theo Gottwald & Anita Krätzer: Irrweg Bioökonomie. Kritik an einem totalitären Ansatz. Suhrkamp 2014.

 

Welternährungstag: Agenda zur Bekämpfung des Hungers

Weltweit hungern nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 800 Millionen Menschen; jeder dritte Mensch leidet an Unter- bzw. Fehlernährung. Andererseits werden jährlich nach Schätzungen der Vereinten Nationen (VN) circa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. Matthias Middendorf, Mitarbeiter der Schweisfurth Stiftung, macht sich anlässlich des Welternährungstages Gedanken über die Ursachen und die Folgen des Hungers.

Mission Ernährung

Die FAO wurde am 16. Oktober 1945 als erste internationale Organisation noch vor den VN gegründet und feiert heute ihr 70-jähriges Jubiläum. Ihr Ziel ist es, den Hunger weltweit zu bekämpfen und den Lebensstandard vor allem der Menschen in ländlichen Gebieten zu verbessern. Deshalb steht der diesjährige Welternährungstag unter dem Motto „Sozialer Schutz und Landwirtschaft – den Kreislauf von bäuerlicher Armut durchbrechen“. Unter der Teilnahme des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moo werden die offiziellen Feierlichkeiten auf dem Gelände der Expo 2015 in Mailand veranstaltet, denn die diesjährige Weltausstellung steht unter dem Leitspruch „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Seine Eindrücke und Gedanken zur Expo hat unser Vorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald nach einem Besuch der Ausstellung im Juli zusammengefasst.

Große Herausforderungen – kleine Erfolge?

Seit nunmehr sieben Jahrzehnten bietet die FAO ein Forum für Landwirtschafts-, Fischerei- und Ernährungsfragen, berät nationale Regierungen in agrarpolitischen Fragen und erarbeitet Strategien zur Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung. Eine Mammutaufgabe angesichts der riesigen Zahl an Hungernden. Zwar lassen sich Erfolge erkennen: In den vergangenen 25 Jahren konnte auch dank des Engagements der FAO die Zahl der Hungernden in der Welt von über einer Milliarde auf rund 800 Millionen gesenkt werden. Das eigentliche Ziel, die Anzahl auf 500 Millionen zu senken, wurde jedoch verfehlt. Aktuell steht die Sonderorganisation vor mehreren Herausforderungen: Patentstreitigkeiten, prekäre politische Verhältnisse, militärische Auseinandersetzungen und wachsende Ungleichheiten zwischen ländlich geprägten und industrialisierten Regionen verschärfen die Not vieler Menschen.

Gründe für den Hunger

Die Verringerung der Anzahl hungernder Menschen ist somit nur ein Teilerfolg. Denn die Gründe für den Welthunger sind vielfältig und vielschichtig: Politische Rahmenbedingungen, globale Verteilungsfragen, das fehlende oder verlorengegangene Wissen über regional angepasste Produktionsmethoden und unzureichende Infrastruktur in vielen Teilen der Welt.
Der aktuelle Welthunger-Index stellt zudem einen engen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und dem globalen Hunger dar. Die meisten Auseinandersetzungen und deren Folgewirkungen wie Flucht und Vertreibung sind die Ursache für Hungersnöte oder akuten Hunger. Aktuell sind über 172 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten betroffen, deren Auswirkungen zum Teil noch durch Naturkatastrophen oder die internationale Politik verschärft werden.

Hunger nach Fleisch

Zudem führt der globale Anstieg des Fleischkonsums dazu, dass beim Kampf um knappe Anbauflächen Futtermittel und Grundnahrungsmittel zunehmend in Konkurrenz zueinander treten. Das trifft die Menschen in ländlichen Gebieten besonders hart. Ihnen bleibt schlicht nicht genug Anbaufläche, um sich und ihre Familien zu ernähren. Um diese Ursachen langfristig zu bekämpfen, braucht es Investitionen in eine bäuerliche, lokal ausgerichtete Landwirtschaft. Diese Landwirtschaft ist umweltverträglich, sozial und zugleich wirtschaftlich rentabel. Sie bezieht die komplette Wertschöpfungskette mit ein — vom Acker bis zum Teller. Denn die ausreichende Versorgung der Menschen mit Nahrung ist eine Grundvoraussetzung für jede gesellschaftliche Entwicklung.

Entwicklungsziele – Neuer Versuch

Dieser Zusammenhang wurde auch Ende September in der Verabschiedung der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung aufgegriffen. Die Neuausarbeitung der Sustainable Development Goals (SDGs) war notwendig, da die im Jahr 2000 verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) auslaufen, obwohl längst nicht alle Ziele erreicht worden sind. Die neuen SDGs sind ambitionierter formuliert, da sie auf einem ganzheitlichen Ansatz beruhen. Sie gelten nicht nur für die Entwicklungsländer, sondern für alle Staaten und vereinen ökologische, wirtschaftliche und soziale Ziele. Das Ergebnis eines zweijährigen Konsultationsprozesses sind 17 Ziele und 169 Unterziele, die für eine nachhaltige Entwicklung stehen.

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Die Ziele, beispielsweise die vollständige Überwindung von Hunger, bei gleichzeitiger Halbierung der Lebensmittelverluste, sollen bis 2030 erreicht werden. Die jeweiligen Länder können Schwerpunktthemen setzen — bindend sind diese Bestrebungen aber nicht. Die SDGs zeigen gebündelt den notwendigen Handlungs- und Veränderungsbedarf auf regionaler, nationaler und globaler Ebene. Deutschland möchte bereits 2016 im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie über den Umsetzungsstand der SDGs berichten. Die Umsetzung aller Ziele ist somit von Beginn an kritisch zu begleiten.

Global denken, lokal essen
Jeder kann durch seinen Lebensstil das Ausmaß des Hungers reduzieren. Wer auf importierte und transport- wie lagerintensive Lebensmittel verzichtet, und auf Siegel wie fairen Handel achtet, ernährt sich frischer und schont die Umwelt. Eine gute Einkaufshilfe ist zum Beispiel der Utopia Saisonkalender.

Weiterlesen
Peter Cornelius Mayer-Tasch (Hg.): Der Hunger der Welt. Ein fatales Politikum. Campus, Frankfurt a.M. 2011. In ihrem Beitrag „Wer wird die Welt ernähren? Nachhaltige Landwirtschaft als Chance“ zeigen Franz-Theo Gottwald und Isabel Boergen konkrete Lösungsansätze zur komplexen Thematik.

Hinschauen
Der soeben in Deutschland angelaufene Dokumentarfilm „Landraub“ zeigt die Konsequenzen von globalen Spekulationen um Ackerland. Dabei lässt der Film sowohl Bauern wie auch Investoren zu Wort kommen, statt einfach nur anzuprangern. Hier geht’s zum Trailer des Films.

Headerfoto: Aus dem Film Landraub. „Äthiopien: Kleinbauern bei der Ernte“, © movienet

 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien anlässlich des Welternährungstages 2015.

Engagement für Verbraucher

Seit 2009 arbeitet die Verbraucherkommission Bayern als unabhängiges Expertengremium für eine stärkere Berücksichtigung von Verbraucherinteressen seitens der bayerischen Politik.

Die Kommissionsmitglieder kommen aus den verschiedensten Branchen und bringen ihre Erfahrungen in der Verbraucherarbeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft aktiv in politische Prozesse ein. So begleitet die Kommission durch Stellungnahmen und Empfehlungen die verbraucherpolitische Arbeit der Staatsregierung, etwa bei Fragen zur besseren Kennzeichnung von Lebensmitteln, der Aufklärung von Verbrauchern oder dem besseren Schutz von privaten Daten im Internet.

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Seit 2009 ist Stiftungsvorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald Mitglied der Verbraucherkommission Bayern und seit 2014 ihr Vorsitzender.

Unsere aktuelle Buchreihe zur Agrarkultur

Praxisnah ist die von der Schweisfurth Stiftung herausgegebene Publikationsreihe „Agrarkultur im 21. Jahrhundert“, die im Metropolis-Verlag erscheint. In den einzelnen Bänden erklären die Autorinnen und Autoren anhand konkreter Problemstellungen, wie Menschen nachhaltig und gut auf und mit dem Planeten Erde leben können. Auch im 21. Jahrhundert lassen sich viele Potenziale für ökonomische, ökologische und kulturelle Entwicklungen im Leben auf und mit dem Lande finden. Ziel der Reihe ist es, möglichst viele Mitdenker und Mitmacher bei der Gestaltung nachhaltiger Lebensformen zu entwickeln.

Bisher erschienen − Marburg, Metropolis Verlag:

Schweisfurth Stiftung Metropolis Bücher Titel

 

Michael Beleites (2016): Land-Wende.
Raus aus der Wettbewerbsfalle!

Die Industrialisierung der Landwirtschaft wird weder von profitgierigen Landwirten, noch durch geizige VErbraucher bewirkt. Ihr Verursacher ist der Verdrängungswettbewerb, die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe. Michael Beleites untersucht die Wettbewerbslogik dort, wo sie herkommt – in der Biologie. Sein Befund: Nicht Kampf und Konkurrenz leiten die Naturprozesse, sondern Kooperation und ökologische Integration, die Umweltresonanz.

 

Franz-Theo Gottwald, Isabel Boergen (Hg.) (2013): Essen & Moral.
Beiträge zur Ethik der Ernährung

Jeder Bissen ein Fall für das Gewissen? Die ausgewählten Beiträge schildern die mannigfaltigen ethischen Herausforderungen, denen sich jeder von uns täglich aufs Neue stellen muss − sei es als Produzent, Vermarkter oder Verbraucher. Details wie die Patentierung von Leben oder die Kennzeichnung gentechnikfreier Lebensmittel werden von den Autorinnen und Autoren dabei ebenso aufgegriffen wie grundsätzliche philosophische Fragen, die sich etwa beim Verzehr von Produkten tierischer Herkunft stellen.

 

Karin Jürgens (2013): Milchbauern und ihre Wirtschaftsstile.
Warum es mehr als einen Weg gibt, ein guter Milchbauer zu sein.

Wie können Bauern die Zukunft ihrer landwirtschaftlichen Betriebe sichern?
Die freiberufliche Agrarwissenschaftlerin Dr. Karin Jürgens beschreibt anhand der Biografien von Milchviehbetrieben und deren Wirtschaftsstilen Entwicklungsoptionen jenseits von Wachsen oder Weichen.

 

Kristina Pezzei (2012): Verkaufen können wir selber!
Wie sich Landmenschen ihren Laden zurück ins Dorf holen.

Dieses Buch handelt von Menschen, deren Ideen und was sie daraus machten, um sich wieder Läden ins eigene Dorf zu holen. Es berichtet von Initiativen und Aktionen, die oft ohne finanzielle Unterstützung, dafür aber mit viel ehrenamtlichem Einsatz neue Wege ausprobieren. Die Journalistin und Geografin Kristina Pezzei hat Dorfläden in ganz Deutschland besucht. Sie zeigt, dass solche Projekte funktionieren und sogar als Vorbilder für ähnliche Vorhaben in Städten dienen können.

 

Franz-Theo Gottwald (2. Auflage, 2012): Esst anders!
Vom Ende der Skandale. Über inspirierte Bauern, innovative Handwerker und informierte Genießer.

Wir brauchen eine ethische und politische Wende, die sich an Gerechtigkeit, Souveränität, der Würde des Lebens und an der Re-Regionalisierung orientiert. Sonst werden Lebensmittelskandale, Pandemien, Tierquälerei und Umweltverbrauch notwendige Folgen der städtischen Essgewohnheiten bleiben. Das Buch verdeutlicht, warum wir so leben, wie wir essen und warum wir jetzt anders essen müssen, damit auch künftige Generationen noch gut zu essen haben.

 

Anita Idel (5. Auflage, 2014): Die Kuh ist kein Klima-Killer!
Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können.

Das Rind ist einerseits globaler Landschaftsgärtner, andererseits extrem energiereich gefüttertes Hochleistungstier. Dr. Anita Idel stellt die Frage nach dem richtigen System. Dieses Buch ist mehr als die Rehabilitierung der Kuh. Die Autorin dokumentiert den zerstörerischen Beitrag der intensiven Landwirtschaft zum Humusverlust und zum Klimawandel. Sie lässt Menschen zu Wort kommen, die durch Weidewirtschaft mit Kuh und Co. und dem Wissen des 21. Jahrhunderts die symbiotischen Potenziale des Boden-Pflanze-Tier-Komplexes wiederbeleben.

Zusammenarbeit mit Universitäten

Junge Menschen für eine nachhaltige Neugestaltung der Land- und Lebensmittelwirtschaft zu begeistern, ist eines der Anliegen der Schweisfurth Stiftung. An der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt Stiftungsvorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald alle zwei Jahre im Rahmen einer Vorlesungsreihe „Agrar-, Ernährungs- und Umweltethik“. Sein Ziel ist es dabei, Studentinnen und Studenten zu befähigen, selbstständig bioethische Problemstellungen zu identifizieren, zu analysieren und angemessene Lösungen zu entwickeln.

Auch am Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) an der Universität Witten-Herdecke bringt sich die Schweisfurth Stiftung regelmäßig mit Beiträgen bei der jährlich stattfindenden Zukunftskonferenz Food ein.

Wolfgang Staab-Naturschutzpreis: Flüsse schützen – Leben schützen

Flüsse sind die Adern des Lebens. Sie versorgen ihre Umgebung mit Frischwasser und bieten einen vielfältigen Lebensraum für eine Fülle an Pflanzen und Tieren.

Flüsse spielen eine tragende Rolle bei der Regulierung des Klimas. Dennoch werden sie immer noch unzureichend vor Eingriffen geschützt. Flusslandschaften sind heute die am stärksten bedrohten Lebensräume überhaupt. Besonders leiden die Lebensadern unter dem Bau fortwährend neuer Wasserkraftwerke, die wie Geschwüre wuchern und die Landschaften für immer komplett verändern, teilweise sogar unfruchtbar machen.

Den Naturschatz bewahren

Um den Naturschatz der Flüsse und Auen weltweit zu bewahren, vergibt die Schweisfurth Stiftung seit 2015 jährlich den mit 20.000 Euro dotierten Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften.

Der Preis ist benannt nach Wolfgang Staab (1938-2004), der sich an der Spitze des BUND-Landesverbandes Rheinland-Pfalz einen Namen machte. „Wer etwas tut, hat Recht. Wer nichts tut, hat Unrecht“ war ein Leitspruch des kämpferischen Umweltschützers, der 2004 bei einem Autounfall ums Leben kam. Seine Witwe Dr. Dorette Staab stiftete den Preis, der 2015 zum ersten Mal vergeben wurde.

Jury-Mitglieder sind Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister, langjähriger Leiter des WWF-Auen-Instituts in Rastatt.

Hier finden Sie das aktuelle Faltblatt zu den PreisträgerInnen von 2015-2018.

 

Preisträgerin 2018: Dr. Margret Bunzel-Drüke (Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V.) 

Dr. Margret Bunzel-Drüke erhielt am 26. Oktober in der Düsseldorfer Grey Schule den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis 2018. Die Flussexpertin und Buchautorin arbeitet an einer Analyse zum Fischbestand der Lippe unter Federführung des Landesfischereiverbands und ist in einem Renaturierungs-Projekt der Lippe aktiv. Mit ihrem multidisziplinären Ansatz engagiert sich die Naturschützerin seit über 30 Jahren im Verein Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) im Kreis Soest als Projektleiterin und Wissenschaftlerin.

Preisträger 2017: Nikolaus Geiler (Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V.) und Wolfgang E. A. Stoiber (Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald e. V.)

Nikolaus Geiler und Wolfgang E. A. Stoiber wurde am 13. Oktober 2017 im Rastätter Aueninstitut mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzpreis ausgezeichnet. Der Gewässer-Biologe Nikolaus Geiler ist Gründer der Aktion „Rettet den Rhein“ und ist damit maßgeblich daran beteiligt, dass heute wieder Lachse im Rhein schwimmen. Wolfgang E. A. Stoiber ist Mitgründer und Vorsitzender des Vereins Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald, der sich als Schnittstelle zwischen „Natur, Kultur, Ökologie und Ökonomie“ versteht.

Preisträger 2016: Klaus Markgraf-Maué (NABU-Naturschutzstation Niederrhein)

Klaus Markgraf-Maué, Flussexperte und Naturschutzreferent bei der Naturschutzstation Niederrhein des NABU, wurde am 10. Juni 2016 in der Schweisfurth Stiftung in München mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzpreis ausgezeichnet. Seit 20 Jahren widmet sich der studierte Biologe und Geograf der Renaturierung ursprünglicher Auenlandschaften.

Preisträger 2015: Ulrich Eichelmann (RiverWatch)


Ulrich Eichelmann, Umweltaktivist, Filmemacher und Geschäftsführer der international tätigen NGO RiverWatch, wurde am 24. Juni 2015 in Rastatt als erster Preisträger mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzpreis ausgezeichnet. Eichelmann, geboren 1961 in Nordrhein-Westfalen, ist ein Kämpfer, der Dinge bewegen und Spuren hinterlassen will. Ein kreativer Stratege und unbequemer Zeitgenosse, der gerne und ausdauernd gegen den Strom schwimmt.

 

Bewerben oder Vorschläge einreichen

Die Bewerbungsfrist für den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis endet immer zum 1. Dezember des Vorjahres. Interessierte können sich bewerben oder Vorschläge einreichen unter nklopp@schweisfurth-stiftung.de, oder per Post an Schweisfurth Stiftung, Rupprechtstr. 25, 80636 München.
Kurz-gut

Projektname: Wolfgang Staab-Naturschutzpreis
Startschuss:
2014
Status:
läuft
Wirkungskreis:
global
Zielgruppe:
Umweltschützer, die im Bereich des Fluss- und Auenschutzes aktiv sind
Maßnahme:
Jährliche Vergabe des mit 20.000 Euro dotierten Preises, Ausrichtung der Veranstaltung, Pressearbeit
Ansprechpartnerin:
Nora Klopp, Schweisfurth Stiftung

Bio-Lebensmittel: Preis für innovative Forschung

Dynamisch und innovativ: Die ökologische Lebensmittelbranche leistet entscheidende Beiträge zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen in der Ernährungswirtschaft.

Welchen Mehrpreis akzeptieren Verbraucher für ökologisch einwandfreie Lebensmittel? Wie bio sind Lebensmittel, wenn sie rundherum in Plastik verpackt sind? Oder tausende Kilometer zwischen Acker und Teller liegen? Es gibt zahlreiche Forschungsfragen aus dem Bereich green logistics, zur nachhaltigen Ausgestaltung von Produktionsprozessen oder zu sozialen Perspektiven, die ebenso drängend wie spannend sind.

forschungspreis-bio-lebensmittel-preisUm der Branche neue Impulse zu geben, sich fortwährend weiterzuentwickeln und dabei die eigenen Werte nicht aus den Augen zu verlieren, wurde der Forschungspreis Bio-Lebensmittelwirtschaft ins Leben gerufen.

Preis für innovative Forschung

Junge Forscherinnen und Forscher können sich mit ihren Arbeiten bewerben. Der Wettbewerb prämiert die besten Forschungsarbeiten (Bachelor, Master und Dissertation) rund um Lösungen zu ökologischen Themen und Nachhaltigkeitsfragen. Er findet jährlich statt. Die Schweisfurth Stiftung gehört neben der Lebensbaum-Stiftung, der AÖL und der Biofach zu den Trägern des Preises.

Der Preis 2017 wurde im Februar auf der Biofach verliehen. Die Pressemitteilung können Sie hier lesen.  Bisherige Preisträger und die Bewerbungsmodalitäten finden Sie unter forschungspreis-bio-lebensmittel.de

Headerfoto: Die Preisträgerinnen 2016 (v.l.n.r.) Janna Möllers, Svenja Herzog und Maria Jaeger; © FoBiLe, Biofach

 

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Projektname: Forschungspreis Bio-Lebensmittelwirtschaft
Startschuss: 2013
Status:
läuft
Wirkungskreis:
regional
Zielgruppe:
Studenten, Universitäten, Unternehmen der Bio-Lebensmittelwirtschaft
Maßnahme:
Trägerschaft
Leitung / Ansprechpartner/in: Annette Weber oder Dr. Alexander Beck, Büro Lebensmittelkunde & Qualität
Mehr unter: forschungspreis-bio-lebensmittel.de

 

Deutsches Netzwerk für Ernährungsethik DNEE

Mit jeder Kaufentscheidung wird auch eine Wahl für oder gegen die Art und Weise der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung getroffen. Bei Lebensmitteln gehören zu den entscheidenden Fragen unter anderem: Einsatz von Pestiziden und Antibiotika? Gentechnische Veränderungen im Erbgut? Erhaltung fruchtbarer Böden? Tierwohl? Transportwege? Wir in der Schweisfurth Stiftung sind überzeugt, dass es häufig keine Ja/Nein-Antworten gibt. Es ist unser Anliegen, gemeinsam mit anderen Institutionen Bewusstsein zu schaffen für die Komplexität und Verbundenheit der Zukunftsherausforderungen.

Ist Essen noch Privatsache?

Angesichts gravierender Auswirkungen, die Ernährungsverhalten haben kann, ist jede einzelne Konsumentscheidung auch moralisch relevant.
Ernährungsgerechtigkeit, Intensivtierhaltung, Klimawandel, Ressourcenknappheit, Welthunger − jede Mahlzeit in der globalisierten Welt ist mit Folgen für andere Menschen, Tiere und Umwelt verbunden. Um den vielfältigen ernährungsethischen Fragen nachzugehen, hat die Schweisfurth Stiftung das Deutsche Netzwerk für Ernährungsethik (DNEE) gegründet. DNEE ist eine Plattform zur Vernetzung von Akteuren, die sich mit der ethischen Dimension von Landwirtschaft und Ernährung beschäftigen.

dnee logo
Das Netzwerk fördert den Austausch, regt gesellschaftliche Diskussionen und politische Diskurse an und stellt Informationen rund um die Ethik der Ernährung bereit.

Was gibt es Neues rund um foodethics-Themen? Neuigkeiten, Veranstaltungen und interessante Menschen rund um die Ernährunsethik finden Sie auf dnee.de

 

 

Kurz-gut

Projektname: Deutsches Netzwerk Ernährungsethik
Startschuss: 2008
Status:
läuft
Wirkungskreis:
global
Zielgruppe:
Wissenschaftler, Praktiker und Interessierte, die sich mit Foodethics beschäftigen
Maßnahme:
Trägerschaft
Leitung / Ansprechpartner/in: Isabel Boergen, Schweisfurth Stiftung
Mehr unter: dnee.de

Ökologie & Ethik

Moderne Ökologie braucht ethische Reflexion

Gewohnheit und Orientierung an der Mehrheit sind zwei starke handlungsleitende Faktoren: Etwas, was seit geraumer Zeit Usus ist, wird gerne weiter so gemacht. Und so wie es die breite Masse macht, macht es der Einzelne auch. Wiederholung und Imitation stehen der Anforderung, das eigene Handeln immer wieder neu zu begründen, im Weg. Ökologisches Handeln jedoch erfordert ethische Reflexion. Es verlangt gute Gründe, warum man sich so und nicht anders verhält. Im Kontext der modernen Ökologie sieht die Schweisfurth Stiftung vier zentrale ethische Prinzipien: Verantwortung, Vorsorge, Gerechtigkeit und Biodiversität. Werden sie berücksichtigt, erhöht das die Lebendigkeit: eine Lebendigkeit, die jeder einzelne in sich und um sich herum wahrnehmen kann.

 

Herausragendes Engagement: Ulrich Eichelmann erhält Naturschutzpreis

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(von links nach rechts) Preisträger Ulrich Eichelmann, Dr. Dorette Staab, und Prof. Dr. Emil Dister (WWF-Aueninstitut)

Ulrich Eichelmann, Umweltaktivist, Filmemacher und Geschäftsführer der international tätigen NGO RiverWatch, wurde am 24. Juni 2015 in Rastatt als erster Preisträger mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzpreis ausgezeichnet.

Eichelmann, geboren 1961 in Nordrhein-Westfalen, ist ein Kämpfer, der Dinge bewegen und Spuren hinterlassen will. Ein kreativer Stratege und unbequemer Zeitgenosse, der gerne und ausdauernd gegen den Strom schwimmt.

 

 

 

Preisträger Ulrich Eichelmann mit Dr. Dorette Staab, Stifterin des Preises

Preisträger Ulrich Eichelmann mit Dr. Dorette Staab, Stifterin des Preises


Naturzerstörung unter dem Deckmantel des Klimaschutzes

Der studierte Landespfleger arbeitete unter anderem 17 Jahre lang als Wasserexperte beim WWF Österreich. Er leitete die Kampagne Stop Ilisu gegen das Staudammprojekt Ilisu am Tigris in der Türkei. Für seinen Film „Climate Crimes − Umweltverbrechen im Namen des Klimaschutzes“ beschäftigten sich Eichelmann und sein Team mit dem rasanten Ausbau von Wasserkraft, Biogas und Biodiesel.

Der Bau immer neuer Staudämme und Wasserkraftwerke sei momentan die größte Bedrohung für die Flüsse, so Eichelmann in seiner Dankesrede. Die zumindest abschnittsweise noch intakten Flusslandschaften auf dem Balkan etwa sollen dem Bau von 2.000 neuen Kraftwerken geopfert werden. Weltweit würden über 100 Milliarden Dollar jährlich in den Neubau von Wasserkraftwerken investiert. Das sei Naturzerstörung im Namen des Klimaschutzes.

 

 

 


Bewerben oder Vorschläge einreichen

Die Bewerbungsfrist für den Wolfgang Staab-Naturschutzpreis endet immer zum 1. Oktober des Vorjahres. Interessierte können sich bewerben oder Vorschläge einreichen unter info@schweisfurth-stiftung.de.

 

Entwicklung ökologischer Agrarkultur

Das Konzept der ökologischen Agrarkultur wurde Ende der 80iger Jahre im Kontext der ökologischen Landwirtschaft maßgeblich von der Schweisfurth Stiftung geprägt. Seither wird es als Sammelbegriff für die vielfältigen kulturellen, ökologischen und sozioökonomischen Ausprägungen bäuerlicher Landwirtschaft genutzt. Ökologische Agrarkultur beschreibt die Kulturaufgaben der Landwirtschaft und die vielgestaltigen positiven Wirkungen, die Landwirtschaft im Hinblick auf Umwelt, Klima, Biodiversität und Gesellschaft erbringen kann. Ökologische Agrarkultur ist damit ein alternativer, zukunftsweisender Weg zur eindimensional auf Ertragssteigerung ausgerichteten, industriellen Landwirtschaft.

Die Schweisfurth Stiftung hat die Wahrung und Entwicklung von ökologischer Agrarkultur zu einem Bestandteil ihrer Statuten gemacht. In ihrem Leitbild „Wege zu einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur“ wird detailliert beschrieben, wie eine lebendige und zukunftsfähige Landwirtschaft zum Wohle von Mensch, Tier und Umwelt funktionieren kann.

Das Leitbild können Sie hier (PDF) herunterladen.

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